Sportliche Heraus­forderungen für Architekten, Ingenieure und Bauherren

Die meisten Gross­ereignisse wie Olympia und Welt- und Europa­meister­schaften sind dieses Jahres aufgrund der Corona-­Pandemie abgesagt oder verschoben worden. Den vielen spektakuläre Stadien, Sport­stätten und Hallen, die in den letzten Jahren überall gebaut worden sind, fehlen grössten­teils die Zuschauer. Dies nachdem die Beteiligten, also Architekten, Ingenieure und Bau­herren, unzählige Heraus­forderungen bewältigen mussten, bis so ein Projekt steht und in einem neuen Stadion oder einer neuen Eishalle eine Partie angepfiffen werden kann.

Das Sportjahr 2020 startete im Januar ganz plangemäss. Kaum jemand rechnete damit, dass wenig später im März ein weltweit grassierendes Virus das Geschehen in den Stadien und Wettkampfarenen für Wochen und Monate lahmlegen würde. Dabei war doch für die Höhepunkte der Sportsaison alles schon bestens vorbereitet: Die neue Eishalle Vaudoise Aréna in Lausanne zum Beispiel, einer von zwei Austragungsorten der ursprünglich geplanten Eishockey-WM 20 im Mai, ist seit letztem Herbst in Betrieb. Das neue Nationalstadion von Japan in Tokio, wo am 24. Juli und 9. August die Eröffnungs- und Schlussfeier und dazwischen die Leichtathletik-Wettkämpfe der Olympischen Sommerspiele 2020 hätten stattfinden sollen, konnte ebenfalls im letzten Spätherbst eingeweiht werden. Ohnehin längst bereit war das New Wembley Stadium in London, das im Juli beim Final der Fussball-EM vor Abermillionen Fernsehzuschauern seinen grossen Auftritt gehabt hätte. Das 90'000 Besucher fassende und rund 1,2 Milliarden Euro teure Stadion gilt seit 13 Jahren als die Mutter aller Fussballstadien. Statt voller Stadien nun also gähnende Leere. Die Sportfans und die Stadien müssen sich gedulden und können sich damit trösten, dass die abgesagten Grossereignisse grösstenteils im nächsten Jahr nachgeholt werden.

Die Sportarena auf dem Campus Sursee: weisser Beton als Reverenz ans klassische Baumeisterhandwerk.

Events in einem beindruckenden Rahmen

Die Beispiele zeigen, dass es zumeist sportliche Grossanlässe sind, die den Bau von Sportstätten auslösen, zusammen mit neuen regulatorischen Vorgaben. Sowohl die Sportverbände als auch die Gesetzgeber schrauben die Kriterien in Bezug auf Sicherheit, Komfort, Wetterschutz, Verkehrsanbindung usw. laufend in die Höhe. Zudem ist Sport längst schon viel mehr als einfach nur Sport. Die Rennen, Wettkämpfe und Spiele sind zu wesentlichen Bestandteilen unseres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens geworden. Jedes grössere Ereignis wird inszeniert und zelebriert, und das verlangt nach einem würdigen Rahmen. Stadionbetreiber kommen nicht darum herum, ihre Infrastruktur aufzurüsten, wenn sie am Ball bleiben möchten. Zumal das Publikum Komfort und Bequemlichkeit erwartet mitsamt VIP-Lounges und Fünfstern-Catering. Hinzu kommt ein gewisses Prestigedenken unter den Beteiligten: Mit einem neuen Stadion oder einer spektakulären Grosshalle können der Club, die Investoren, die Architekten und die Stadt ein neues Wahrzeichen schaffen. So lassen sich die Austragungsstätten für die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio auch als Architekturausstellung erleben, wobei nicht einmal alles neu ist. Die Nationale Sporthalle Yoyogi beispielsweise wirkt auch 57 Jahre nach ihrer Eröffnung noch jugendlich frisch, zieht alljährlich Millionen von Touristen in ihren Bann und gehört mittlerweile zu den Stilikonen moderner japanischer Architektur.

«Die Rennen, Wettkämpfe und Spiele sind zu wesentlichen Bestandteilen unseres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens geworden.»

Das grösste Hallenbad der Schweiz auf dem Campus Sursee dient den Schwimmsportlern als nationales Leistungs­zentrum.

Der Bau von Sportstätten und Stadien gilt zwar nicht als architektonisches Spezialgebiet. Doch einfach nur Standard ist dabei wenig, und die Projekte werden selten freihändig vergeben. An den Wettbewerben beteiligen sich ambitionierte Architekturbüros. Stadien und grosse Sporthallen zählen, genauso wie Hochhäuser, Konzerthallen oder Museen, zu den Königsdisziplinen des Fachs. Mit einem gelungenen Stadion kann sich der Architekt ein Denkmal setzen. Der Ruhm von Herzog & de Meuron gründet unter anderem auf dem als Meisterwerk gefeierten Nationalstadion Peking, dem Bird’s Nest. Mario Botta ist für den Entwurf der neuen Eishalle (derzeit im Bau) des HC Ambrì-Piotta verantwortlich. Daniele Marques, der bereits die swissporarena des FC Luzern gebaut hat, ist aktuell mit der Erneuerung der Eishalle Davos beschäftigt. In Zürich führt derzeit kein Weg an Caruso St John Architects vorbei. Nach den Plänen des berühmten Londoner Büros, das seit 2011 mit einer Niederlassung in der Limmatstadt vertreten ist, wird derzeit das neue Eistadion Swiss Life Arena, auch «Theater of Dreams», der ZSC Lions in Zürich Altstetten erstellt.

Für das neugestaltete Sportzentrum Heuried in Zürich wurde das Architekten­­team EM2N mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Drei grössere Wellen

Der Bau von neuen Sportstätten erfolgt meistens in grösseren Wellen. Die Fussball-EM von 2008 zum Beispiel löste in der Schweiz schon im Vorfeld eine Fussballstadien-Welle aus. Diese brach in Basel los, rollte über Bern, Genf, Zürich und St. Gallen, erfasste schliesslich Luzern, Neuenburg und Thun, und sie wird diesen Sommer mit dem La Tuilière in Lausanne vorläufig zum Erliegen kommen. Letzteres gehört mit seinen 12'000 Plätzen nach internationalen Massstäben eher zur Kategorie der schmucken Kleinstadien. Doch es handelt sich um ein für Schweizer Verhältnisse stolzes 76-Millionen-Projekt, mit einem unverwechselbaren Gesicht, dank den vier «aufgeklappten» Stadionecken. Über ihre gestalterische Qualität hinaus ermöglichen diese einen freien Besucherfluss und sorgen dafür, dass die prickelnde Atmosphäre auch ausserhalb des Stadions erleb- und spürbar wird. «Unsere Architektur soll ebenso grosse Emotionen wecken wie der Sport selbst», erklärt Architekt Andreas Frank vom Team :mlzd in Biel, das zusammen mit Sollberger Bögli Architekten das jüngste Fussballstadion der Schweiz entworfen hat.

«Unsere Architektur soll ebenso grosse Emotionen wecken wie der Sport selbst».

Richtig Fahrt aufgenommen hat momentan eine dritte Welle aus neuen Mehrzweck- und Dreifachturnhallen, Schwimmhallen und Outdooranlagen. Bei vielen dieser Projekte handelt es sich allerdings um Ersatzbauten für ältere Sportstätten, die heutigen Ansprüchen betrieblich, energetisch und sicherheitstechnisch nicht mehr genügen. Einiges ist in diesem Bereich bereits vollendet. Darunter finden sich preisgekrönte Vorzeigebeispiele wie die von Penzel Valier Architekten entworfene Sporthalle Weissenstein in Köniz mit ihren zwei übereinanderliegenden Dreifachturnhallen, das von EM2N Architekten neugestaltete Heuried Zürich mit Schwimmhalle, Eishalle und Freibad sowie die Sportarena auf dem Campus Sursee mit dem grössten Hallenbad der Schweiz. Das 60-Millionen-Projekt wurde grossmehrheitlich über eine Stiftung des Schweizerischen Baumeisterverbands finanziert. Die Schwimmhalle mit einem 50-Meter-Olympic-Pool, einem 25-Meter-Becken sowie einem Kinder- und Familienpool ist zusammen mit der Dreifachsporthalle seit April 2019 in Betrieb. Projektleiter Matthias Schilling vom verantwortlichen Berner Architekturbüro Rolf Mühlethaler lässt durchblicken, dass der Bau von den Beteiligten alles abverlangte. Die grösste Herausforderung war die Gebäudestruktur, die trotz der Grösse der Halle aufs Notwendige beschränkt ist, mit räumlich, konstruktiv und architektonisch prägenden Zwillingsträgern. «Um dem Baumeisterhandwerk ein Zeichen zu setzen, verwendeten wir beim Sichtbeton bewusst 100 Prozent Weisszement», verrät Schilling. Dass dabei die Beteiligten bis an ihre technischen Grenzen gehen mussten, kann man als Besucher jetzt bestenfalls noch erahnen. Die Sportarea präsentiert sich heute als beeindruckendes Lehrstück dessen, was der Baumeister alles kann.

Nebst Freibad und einer Schwimmhalle gehört zum Heuried auch eine Eishalle.
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