Planerische und gestalterische Heraus­forderungen im Stadionbau

Letztlich stecken hinter jeder vollendeten Sport­stätte enorme Bemühungen und Anstrengungen, die aber schnell vergessen werden, wenn der Stadion- und Sport­betrieb reibungslos funktioniert. Der Weg zum Ruhm ist für den Architekten, der seine kühnsten Ideen verwirklichen möchte, jeden­falls mit zahreichen Stolper­steinen gepflastert. Er muss, zusammen mit allen weiteren Beteiligten, einen umfang­reichen Katalog von konzeptionellen, planerischen und gestalterischen Heraus­forderungen meistern.

Vom ersten Entwurf bis zur Stadioneröffnung verstreichen in der Regel Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Beispiel Hardturm-Neubau in Zürich, ein Stadion für 18'000 Zuschauer mit zwei Hochhäusern als Mantelnutzung: Über das Projekt mussten die Zürcher Stimmbürger innerhalb von 17 Jahren viermal abstimmen. «Wir hoffen, dass wir danach definitiv die letzten Details planen können», sagt Michael Schneider, Geschäftsführer des Zürcher Büros von Caruso St John. Klar ist: Der Stadiontango wird zu einem mindestens zwanzigjährigen Lehrstück in Sachen Geduld und Nerven. Noch gravierender ist es, wenn ein ausführungsreifes Projekt plötzlich wieder auf Eis gelegt wird. Beispiel Stamford Bridge in London: Das Siegerprojekt des Wettbewerbs, ein Entwurf von Herzog & de Meuron, hätte zweifellos das Potenzial für ein weiteres architektonisches Meisterwerk. Aus politischen und persönlichen Gründen hat aber Roman Abramowitsch, Präsident des FC Chelsea, die Lust am 1,1-Milliarden-Euro-Projekt für 60'000 Zuschauer wieder verloren. Ob überhaupt noch und wann allenfalls gebaut wird, ist höchst ungewiss.

Mobilität

Die Grossveranstaltungen in den Stadien und Hallen führen kurzfristig zu einem riesigen Verkehrsaufkommen. Dafür die richtigen Lösungen zu entwickeln, ist eine enorme verkehrs- und städteplanerische Herausforderung. Erforderlich sind leistungsfähige Anschlüsse an den ÖV und den Individualverkehr, Parkplätze, Flughafennähe usw. Gefragt ist alles, was hilft, den Besucherstrom zu beschleunigen und die Belastungsspitzen im Verkehr zu bewältigen, und zwar möglichst umweltfreundlich. Zum Mobilitätskonzept gehören nebst der Bewirtschaftung des Aussenraums und den Zufahrten auch die Zuschauerlenkung im Stadioninnern und die Steuerung der Betriebslogistik.

Gefragt ist alles, was hilft, den Besucherstrom zu beschleunigen und die Belastungsspitzen im Verkehr zu bewältigen, und zwar möglichst umweltfreundlich.

Technische Vorgaben

Mit jedem Projekt fassen die Architekten und Ingenieure ein umfangreiches Pflichtenheft bezüglich Energieversorgung, Belüftung und Beleuchtung, Beschallung und Stadionakustik sowie Medien- und Eventtechnik bis hin zur Qualität des einzubauenden Rasens. Die Nachhaltigkeitskriterien sind streng definiert, Minergie-Standard und eine Solaranlage auf dem Hauptdach heute meistens Pflicht. Das macht angesichts der verfügbaren Flächen auch Sinn: Das Solarkraftwerk auf dem neuen La Tuilière mit einer Panelfläche von 4380 Quadratmetern kann pro Jahr 760'000 Kilowattstunden Strom liefern, mit dem unter anderem auch der Rasen geheizt wird. «Ausserdem haben wir beim Bau ausschliesslich umwelt- und gesundheitsverträgliche Materialien eingesetzt», sagt Andreas Frank.

Finanzierungs- und Betriebsmodelle

Die Bauherrschaft ist in der Regel heterogen, oft eine Public Private Partnership, also eine Mischung von privaten Investoren und öffentlichen Körperschaften. Manchmal leistet sich auch ein Unternehmer oder ein Clubbesitzer «sein» Stadium. Oder der Club finanziert sein eigenes Haus, wie in der kleinen und keinesfalls auf Rosen gebetteten Gemeinde Ambri. Laut Clubpräsident Filippo Lombardi ist das Finanzierungsmodell schweizweit einmalig. Letztlich wird das Geld – annähernd 60 Millionen Franken – über alle möglichen Quellen gesammelt. Unter die Arme greifen dem Kultclub in der Leventina der Kanton Tessin, die umliegenden Gemeinden, verschiedene Banken, Private, der Lotteriefonds usw.
Beim Bau einer Sportstätte wird mit anderen Renditen als bei Geschäfts- oder Wohnimmobilien gerechnet. Etabliert hat sich inzwischen die Quersubventionierung des sportlich genutzten Stadionteils durch flexible Mehrfach- oder Mantelnutzung. So ist die neue Swiss Life Arena in Zürich Altstetten wie die meisten neuen Eishallen nicht nur auf Eishockey ausgerichtet, sondern ist auch Konzert- und Eventhalle, mit Auditorium, Club- und Konferenzräumen, Logen etc. Und das neue Hardturm-Stadion wird mittels zweier Hochhäuser mit Gewerbeflächen und mit mehr als 600 Wohnungen querfinanziert.

Die Nachhaltigkeitskriterien sind streng definiert, Minergie-Standard und eine Solaranlage auf dem Hauptdach heute meistens Pflicht.

Gestalterische Ansprüche und Erwartungen

Stadien sind aufgrund des sportlichen Geschehens unvermeidlich nach innen auszurichten, sollten aber als städtebauliche Wahrzeichen gleichzeitig weit in die Umgebung ausstrahlen. Diese beiden Anforderungen zu erfüllen, kann für den Architekten zum eigentlichen Knackpunkt werden. Denn zum Besucherkomfort gehören heute überdachte Sitzplätze, doch die Dachkonstruktion darf auf keinen Fall die freie Sicht auf das Spielfeld behindern. Die starke Innenorientierung birgt zudem die Gefahr, dass mancherorts aus Spargründen die Aussenfassaden vernachlässigt werden. Doch eine bunkerhaft wirkende Betonschüssel wünscht sich niemand. «Die grossen Sportstätten erfordern immer eine intensive architektonische Auseinandersetzung mit der gesamten Innen- und Aussenhülle», sagt Mauritius Carlen, Partner und Mitglied der Geschäftsleitung von Scheitlin Syfrig Architekten. Vor allem die markante Aussenfront ist es, die den Stadien letztlich ihren speziellen Charakter verleiht, sie zu eigentlichen Landmarks macht und ihnen jene Aura verleiht, die jeden Besucher magnetisch anzieht und dafür sorgt, dass sämtliche Erwartungen in Erfüllung gehen.

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