Mobilität bei Grossveranstaltungen

Gross­veranstaltungen im Sport sind emotionale High­lights und locken oft Zehn­tausende Besucher an. Derartige Massen müssen förmlich gemanagt werden – von der Anreise über die Bewegung im Stadion bis hin zur Abreise. Neben vernünftigen Verkehrs­konzepten helfen dabei auch clevere Apps. Und Fahr­treppen können ebenfalls ihren Beitrag leisten.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz – auf dem Parkplatz, um genau zu sein. Für viele Fussballfans trifft das berühmte Zitat von Trainer Otto Rehhagel, der einst Griechenland zum EM-Titel führte, eher auf die Anreise als auf die sportliche Begegnung zu. Denn während die Spieler Durchhalte- und Standvermögen auf dem grünen Rasen beweisen müssen, besteht die grösste Herausforderung für die Zuschauer oftmals darin, das Auto durch die Blechlawinen zu manövrieren, um es rechtzeitig zum Event zu schaffen. Sportliche Grossanlässe in Europa sind, aller Appelle ans grüne Gewissen zum Trotz, häufig geprägt von Staus und Schlangen vor der nächsten Einfahrtsschranke.

Wankdorf als Vorzeigeobjekt

Dabei empfiehlt sogar der europäische Fussballverband UEFA in seinem «Handbuch für Qualitätsstadien», den Fokus beim Neubau von Stadien auf öffentliche Transportmittel zu legen. In Bern hat man das beherzigt, das Wankdorf gehört zu den Vorzeigeobjekten in Europa. Neben dem Stadion liegt ein Bahnhof, der extra gebaut wurde und wenige Minuten vom Berner Hauptbahnhof entfernt ist. An Spieltagen setzen die SBB in der Regel Sonderzüge ein, die am Wankdorf halten. Zudem fahren Busse und Trams dorthin. Parkplätze sind spärlich gesät, verkehrsberuhigte Zonen erschweren die Anreise mit dem Auto zusätzlich.
Weil Bern aber die Ausnahme ist, beschäftigen sich Stadionmanager von Lissabon bis Leipzig und von Glasgow bis Graz mit dem Thema Verkehrs-optimierung. Manchmal hilft es, Bezahlsysteme zu überdenken, sodass die Autofahrer nicht mehr bei der Einfahrt auf den Parkplatz das Portemonnaie zücken müssen, sondern erst nach dem Spiel. Aber in der Regel braucht es stärkere Massnahmen, um Verkehrsflüsse zu ändern.
Es ist nötig, Ampelschaltungen anzupassen, Einbahnstrassen umzufunktionieren, Stand- und Mittelstreifen zu Fahrwegen zu erklären oder Strassen dynamisch freizugeben. Motto: Vor der Veranstaltung möglichst viele Fahrbahnen deklarieren, die zum Stadion hinführen. Nach dem Event entsprechend umgekehrt. Doch das sind oft grosse Eingriffe in das Verkehrswesen, für die es Genehmigungen, Absperrungen und Personal braucht. Zudem können auch Konflikte zwischen Fussgängern und Autofahrern entstehen: An Ampeln und Überwegen missachten die Leute die Regeln. Oft ist zu beobachten: Sobald einer bei Rot losläuft, folgen auch andere. Schliesslich will jeder pünktlich zum Anpfiff da sein. Auch für dieses Dilemma gibt es Ansätze: So empfehlen Experten den Einsatz eines «Crowd Managers», der von einem Hochsitz aus den Überblick hat und per Megafon Anweisungen gibt und die Leute auch mal zurechtweist.

Die Brasilianer haben bei der Fussball-WM 2014 mehr als drei Millionen Menschen bewegt. Der Grossteil der Fans kam mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadien, nachdem der Staat zuvor massiv in die Infrastruktur investiert hatte.

«Eine App würde ihm die genaue Abfahrtszeit von seinem Wohnort vorgeben und die Route aufzeigen, die er fahren soll, damit er in einem bestimmten Zeitfenster beim Stadion eintrifft.»

Schweizer Wissenschaftler plädiert für Zeitmanagement 

Da mutet der Vorschlag eines Schweizer Experten besser an. Dr. Manuel Renold von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat das Thema «Transport and Traffic Engineering» als Forschungsschwerpunkt. Er schlägt ein Zeitmanagement vor, um Verkehrsströme zu entzerren und zu takten. So könne man den Sportfreund, der sein Ticket online bucht, dazu animieren, einen bestimmten Slot für die Anfahrt zu wählen, und ihn dafür belohnen. Eine App würde ihm die genaue Abfahrtszeit von seinem Wohnort vorgeben und die Route aufzeigen, die er fahren soll, damit er in einem bestimmten Zeitfenster beim Stadion eintrifft. Tendenziell wäre das zeitig vor Beginn des Events, sodass er dem Massenansturm ausweicht. Sobald dieser Fan auf seinem reservierten Parkplatz eincheckt, könnte man ihm einen Gutschein für ein Getränk oder eine Portion Pommes aufs Smartphone schicken.

Gewinnspiele, um Zuschauer am Platz zu halten

Soweit reichen die Ideen der Stadionbetreiber noch nicht, aber immerhin gibt es erste Versuche mit Spieltags-Apps, zum Beispiel in der deutschen Fussball-Bundesliga. Sie lotsen den Fan vom heimischen Wohnzimmer bis zu seinem Stadion-Sitzplatz. Aus Sicht von Renold funktioniert die Sache allerdings nur, wenn man bei der Navigation auf Live-Verkehrsdaten zurückgreifen kann. «Wer an diesem Punkt nur mit statistischen Daten arbeitet, läuft Gefahr, die Fans letztlich doch in den Stau zu schicken.» Er wisse aber natürlich, dass es ein Vorschlag auf Grundlage sensibler privater Daten sei. Ansätze, die in eine ähnliche Richtung gehen, verfolgen Navigations-Apps wie Nunav. Die Betreiber versprechen, Autofahrer an Staus und Strassensperrungen vorbei direkt zu einem freien Parkplatz beim Stadion zu lotsen. Die App, die mithilfe von Schwarmintelligenz arbeitet, optimiert die Route alle 15 Sekunden.
Gerade diese cleveren und individualisierten Navigationslösungen sind auf dem Vormarsch, wenn es darum geht, den Fan möglichst stress- und staufrei ins Stadion zu kriegen. Aber was ist nach dem Schlusspfiff? Die meisten Zuschauer wollen schnell nach Hause. Das führt zunächst einmal im Stadion zu Gedränge und danach zu verstopften Strassen. Die Sache liesse sich ein wenig entzerren, indem der Veranstalter zum Beispiel ein Unterhaltungsprogramm anbietet, das einen Teil der Zuschauer animiert, den Platz nicht sofort zu verlassen. Denkbar sind Einspieler auf der Videowall oder sogar Gewinnspiele, bei denen der Zuschauer per Smartphone agieren muss, die gleichzeitig so konzipiert sind, dass er sich nicht von seinem Standort entfernt.

«Für Aufzüge in Stadien ist es besonders wichtig, dass man ihnen spezielle Funktionen und Berechtigungen zuweisen kann.»

Bei der Fussball-Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich war das Matchticket zugleich Fahrkarte für Busse, Bahnen, Kursschiffe und Züge. Der Plan, Staus zu reduzieren und möglichst umweltverträglich zu agieren, ging auf.

Software-Agenten ermitteln, wo Engpässe im Stadion lauern

Passend dazu können Wissenschaftler entsprechende Bewegungsszenarien simulieren. Einer von ihnen ist Dr. Tobias Kretz, der für die PTV Group arbeitet. Das Unternehmen mit Sitz in Karlsruhe erstellt Verkehrssimulationen für Stadien in aller Welt und liefert entsprechende Lösungsansätze per Software. Kretz speist Computerprogramme mit entsprechenden Daten, um Veranstaltungen mit Zigtausend Zuschauern, die bei ihm zu animierten Agenten werden, abzubilden und deren Bewegungen aufzuzeigen. Für jeden Agenten lässt sich das Ziel einprogrammieren, das er ansteuern soll. Er interagiert mit den anderen, weicht aus, wartet, nimmt Umwege in Kauf. Die Parameter lassen sich nahezu beliebig erweitern, wenn man die entsprechende Programmierarbeit hineinsteckt. Abstecher in den Fanshop oder Toilettenstopps sind möglich. Auch äussere Einflüsse wie schlechtes Wetter lassen sich berücksichtigen und wirken sich entsprechend aus. Auf diese Weise sind Vorhersagen möglich, wo sich Schlangen bilden, welche Wartezeiten die Zuschauer einkalkulieren müssen. Der Stadionbetreiber kann daraus Konzepte ableiten, um Besucherströme besser zu lenken. «So kann man auch Planungsfehlern auf die Spur kommen», erklärt Kretz. Bei einer Simulation zu einem Stadionneubau habe das Team festgestellt, dass viel zu wenig Busse für den Heimweg der Fans bereitstanden.
Natürlich geht es dabei auch um Sicherheitsthe-men. Reichen die Durchgangsbreiten an den Treppen? Theoretisch liesse sich auch eine optimierte Beschilderung erarbeiten. Wann und wo sind welche Wegweiser anzubringen, die dem Fan die Orientierung erleichtern? Wenngleich ein Praxistest, wie er einst für den Wiener Hauptbahnhof gemacht worden sei, mehr Erkenntnisse bringe. Dabei wurden laut Kretz Probanden mit einer Virtual-Reality-Brille ausgestattet, um sich in der nachempfundenen Bahnhofswelt zu orientieren und die Wegweiser zu bewerten. Derartige Versuche sind Kretz aus Stadien noch nicht bekannt. Aber die Vorteile, vor allem für auswärtige Fans und gelegentliche Stadionbesucher, lägen auf der Hand. Und am Ende zahle sich das für alle aus. Je besser sich die Besucher auskennen, desto weniger Engstellen und Staus gebe es.

Schindler Fahrtreppen im New Jersey Devils Prudential Center

Aufzüge und Fahrtreppen im Stadion

«Stadion-Design ist in erster Linie eine Frage der Logistik. Wie bewegen sich die Besucher, woher kommen der öffentliche und der sonstige Verkehr», sagt der Designer Rein Jansma. Zentral dabei sind Aufzüge. Nicht, um die Massen zu befördern, sondern um VIPs und körperlich beeinträchtigte Personen sowie Waren – insbesondere für die Gastronomie – zu transportieren. «Für Aufzüge in Stadien ist es besonders wichtig, dass man ihnen spezielle Funktionen und Berechtigungen zuweisen kann», erklärt Nicolas Häfliger, Head PORT System bei Schindler. So ermöglicht die Zutrittskontrolle mittels PORT-Technologie eine sichere Mischnutzung von Stadion-Aufzügen. Je nach Berechtigung – beziehungsweise zur Verfügung gestelltem Batch – können dann nur bestimmte Stockwerke angefahren werden: die Logenplätze für VIPs, behindertengerechte Zuschauerränge oder Restaurantküchen zum Beispiel. «Ebenso erlaubt es die intelligente PORT-Steuerung, Aufzüge für einen bestimmten Zweck – wie für Kranke oder Verletzte – zu entsperren», sagt Nicolas Häfliger.
Dies gewährleistet maximale Effizienz und Auslastung sowie hohe Sicherheit und die Aufzüge bieten mehr Flexibilität. «Die PORT-Technologie lässt sich unter anderem mittels RFID-Chips nutzen. Diese kann man kostengünstig in Einladungskarten und Tickets integrieren. Die Besucher erhalten so schon vor Stadioneintritt einen temporär gültigen Schlüssel, um schnell und sicher an ihren Platz zu gelangen.» Und auch die Fahrt im Aufzug selbst kann heute zum Ereignis werden: So lassen sich mit Schindler Ahead über in die Aufzugskabine integrierte Bildschirme wichtige Informationen, Werbung oder Filme und Bildstrecken einblenden. Auf der Fahrt im Aufzug können sich Besucherinnen und Besucher so über das Stadion oder das Spiel informieren – und sich auf den grossen Event einstimmen.

Fahrtreppen, um Gegenverkehr zu vermeiden

Auch Fahrtreppen können nach Ansicht von Mobilitätsexperte Dr. Tobias Kretz einen wichtigen Beitrag zur Wegeoptimierung und Besucherlenkung in grossen Arenen und Stadien leisten. Zum einen könne man über die Laufbandgeschwindigkeit den Zufluss an Personen auf eine Ebene besser kontrollieren. Zum anderen sei eine Massensteuerung möglich, indem man die Laufrichtung der Fahrtreppen der aktuellen Richtung der Besucherströme anpasse – vor allem beim Ein- und Austritt aus der Arena. Den grössten Vorteil sieht Kretz aber darin, die Richtungsströme separieren zu können, sodass keine «Gegenverkehr-Begegnungen» entstehen, wie sie auf Fusstreppen unvermeidlich sind. Menschen, die in entgegensetzte Richtungen laufen und dabei aufeinandertreffen, müssten stoppen, ausweichen, sich neu orientieren. Wenn das bei grossen Massen der Fall sei, komme es immer wieder zu Verzögerungen und Staus. Zu den Stadien, die verstärkt auf Fahrtreppen setzen, zählt das Bernabéu, wo Real Madrid, der mit 13 Champions-League-Titeln erfolgreichste Fussballverein Europas, seine Heimstatt hat. Zwölf Aufzüge und knapp 40 Fahrtreppen verleihen zwar nicht den Spielern Flügel, sorgen aber dafür, dass ein Grossteil der knapp 70'000 Zuschauer, die zu jedem Spiel kommen, bequem(er) seinen Platz erreicht. Denn in Madrid beherzigt man auch einen Rat aus dem UEFA-Handbuch für Qualitätsmedien: Dort ist explizit von Fahrtreppen und Aufzügen die Rede, die ihren Teil dazu beitragen, dem Besucher ein komfortables Fussballerlebnis zu ermöglichen.

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