«Lang­lebigkeit wird auch für die Spital­bauten zum ent­schei­den­den Kriterium»

Spitäler so zu planen und zu bauen, dass sie nicht nach kurzer Betriebszeit bereits wieder erneuert werden müssen, ist eine anspruchsvolle und komplexe Aufgabe. Michael Nährlich, Leiter Gesundheitswesen der Itten+Brechbühl AG, erklärt die speziellen Herausforderungen, die Planer und Architekten dabei zu bewältigen haben.

Eine Spitalbauwelle überrollt die Schweiz. Rund jedes dritte Spital ist derzeit am Planen oder Bauen. Was ist der Auslöser?

Michael Nährlich: Die veränderten Anforderungen an Infrastrukturen zusammen mit rasanten Entwicklungen in der Medizintechnik und Digitalisierung stellen Architekten, Planer und Bauherren vor immense Herausforderungen. Die Verlagerung von stationären zu ambulanten Leistungen erfordert zwangsläufig Anpassungen der Gebäudestrukturen. Darüber hinaus sind viele Spitalinfrastrukturen am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Etliche Gebäude sind funktional schlichtweg überholt.

Die veränderten Anforderungen an Infrastrukturen zusammen mit rasanten Entwicklungen in der Medizintechnik und Digitalisierung stellen Architekten, Planer und Bauherren vor immense Herausforderungen.

Immer öfter werden auch verhältnismässig jüngere Gebäude aus den achtziger Jahren abgebrochen und durch neue ersetzt. Warum?

Experten unterscheiden zwischen langfristig brauchbaren und langfristig unbrauchbaren Spitalinfrastrukturen. Diese Qualitätseinstufung zeigt sich bereits in der Konzeptionsphase, im sogenannten Masterplanning, inklusive der in absehbarer Zeit notwendigen Erweiterungsflächen. Zu einer langfristig angelegten Spital- respektive Klinikplanung gehören unbedingt die Themen Flexibilität und das spätere Weiterbauen.

Warum werden die Spitäler immer teurer, obwohl doch die Bettenzahlen sinken?

Neben sehr teuren Bodenpreisen sind die Tendenz zum Einbettzimmer und der überproportional hohe Anteil an technischer Gebäudeausstattung starke Kostentreiber. Allein die Haustechnik bewegt sich mittlerweile bei über 40 Prozent der Gesamtbaukosten. Weitere Kostentreiber sind die spezialisierteren Leistungsangebote, der Patientenkomfort und die mit immer mehr Technik ausgestatteten Arbeitsplätze, dies alles verbunden mit steigenden Baukosten.

Schweizer Spitäler werden gezielt in die Höhe gebaut, von gewissen Ausnahmen wie etwa dem neuen Kinderspital Zürich einmal abgesehen. Für die vertikale Erschliessung der Spitäler sind Aufzüge in jedem Fall zentral. Was erwarten Spitalbauplaner und -archi­tekten von den Aufzügen?

Grundsätzlich liefert eine funktional ausbalancierte Mischung zwischen vertikal und horizontal angeordneten Erschliessungssystemen eine gute Voraussetzung für eine einwandfrei funktionierende Zirkulation. Aufzüge sollten nebst Reaktionsgeschwindigkeit und Komfort auch gute Programmierbarkeit, technische Langlebigkeit, Ausstattungsflexibilität und Adaptierbarkeit bieten.

Wie lässt sich verhindern, dass ein heute gebautes Spital bereits nach dreissig Jahren wieder ersetzt werden muss?

Im Sinne der Nachhaltigkeit sollte grundsätzlich das Ziel verfolgt werden, Gebäudestrukturen länger als 35 Jahre nutzen zu können. Für mich ist die Systemtrennung ein entscheidender Ansatz. Heute lässt sich durch eine klare Trennung in Primär- (50 bis 100 Jahre Lebensdauer), Sekundär- (15 bis 50 Jahre) und Tertiärbauelemente (5 bis 15 Jahre) für zukünftige Anpassungen der notwendige Spielraum schaffen.

Für mich ist die Systemtrennung ein entscheidender Ansatz.

Die Verlagerung des Spital­betriebs von stationär zu ambulant geht weiter und es ist kein Ende in Sicht: Mit welchen Konsequenzen für die Spitäler und die weiteren Gesund­heits­immo­bilien?

Ich kann bei dieser Frage nur der Forderung nach intelligenten Masterplänen und Gebäudestrukturen sowie nach einer Systemtrennung Nachdruck verleihen. Alle Immobilien zusammen sollten die flexiblen Netz- werke des Spitalbetriebs räumlich und funktional gut abbilden. In diesem Sinne verfolgen wir bei Itten+Brechbühl seit langem das Konzept des Core Hospital. Diese Spitalinfrastruktur konzentriert Services mit allen Kern- und Spezialfunktionen in einem Zentrum. Drumherum stehen in lockerer Anordnung alle assoziierten Gesundheitsfunktionen zur Verfügung.

Und welche Chancen versprechen Sie sich von der Digitalisierung?

Die Digitalisierung bietet vielfältigste Chancen, wobei es auch Risiken gibt. Alle wünschen sich vereinfachte Prozesse, beispielsweise durch Real-Time-Kommunikation und digital unterstützte Arbeit dank smarten Programmen, Apps und Robotern. Werden diese Möglichkeiten genutzt, reduzieren sich Zeit- und Wegaufwand, Ressourcen werden geschont und Infrastrukturen optimal genutzt.

Die Corona-Pandemie hat viele Spitäler an ihre Kapazitäts- und Belastungs­grenzen gebracht. Welche Lehren ziehen Sie daraus?

An vorderster Stelle stehen sicher Kapazitäts- und Flexibilitätsfragen im Zusammenhang mit Spitalinfrastrukturen, nicht zu vergessen die Wichtigkeit von Pflegeressourcen. Notfallszenarien sollten, wenn möglich, seriöser antizipiert werden. Hilfreich für die Planung künftiger Szenarien könnten auch hier Alternativmodelle einer dezentralisierten Versorgung sein.

Hilfreich für die Planung künftiger Szenarien könnten auch hier Alternativmodelle einer dezentralisierten Versorgung sein, um im Ernstfall den Kernbereich der Gesundheitsversorgung wirksam entlasten zu können.

Zur Person

Der Architekt und Ingenieur Michael Nährlich (57) blickt auf eine längere internationale Karriere zurück. Unter anderem arbeitete er auch für Foster & Partners in London. Heute ist er Leiter Gesundheitswesen bei der Itten+Brechbühl AG. Das Architekturbüro mit Niederlassungen in Bern, Basel, Genf, Lausanne, Lugano, St. Gallen und Zürich gehört in der Schweiz zu den führenden Adressen im Spital- und Gesundheitsbau. Es hat in diesem Bereich als Generalplaner allein in den letzten Jahren rund 50 Grossprojekte realisiert.

 
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