Im Bann des «Circle»

Mit dem Gebäudekomplex «Circle» hat der japanische Architekt Riken Yamamoto dem Flughafen Zürich mehr als ein Gesicht gegeben. Er hat eine örtliche und räumliche Identität geschaffen, in der Passagiere von fern, genauso wie Passantinnen aus der Umgebung, ein- und ausgehen werden.

Hinter dem Flughafen Zürich öffnet sich den Reisenden eine mit dem Terminal verbundene, neue Stadt. Das Besondere daran: Sie sieht auf den ersten Blick aus wie ein ringförmiges Gebäude. «The Circle» heisst, nomen est omen, das Gebäude. Fragt sich nur: Ist es eine Stadt oder ein Gebäude? Zwar gibt es dort alles, was man braucht, aber niemand wohnt dort. Dennoch hat der japanische Architekt des «Circle», Riken Yamamoto, wiederholt festgehalten, der Gebäudekomplex sei bewusst nicht als hermetisch geschlossenes Gebäude, sondern als offenes Ganzes angelegt und ähnle in dieser Form einer japanischen Metropole; die grosse Form des eigentlichen Gebäudes entstehe dabei aus lauter kleinen Elementen. Aber der Reihe nach.
Eröffnet wurde «The Circle» im November 2020 nach einer fünfjährigen Planung (Baugesuch 2011) und fünfjähriger Bauzeit. Mit seinen Dimensionen bleibt er bis auf Weiteres das grösste und teuerste private Hochbauprojekt der Schweiz. Elf Stockwerke hoch und über eine Milliarde teuer, vereint er auf 180'000 Quadratmetern Nutzfläche – das sind 25 Fussballfelder – zwei Hotels, eine Convention Hall für 2500 Besuchende, Retailflächen für zahlreiche Shops und Restaurants, Hauptsitze internationaler Firmen, dazu ein ambulantes Gesundheitszentrum des Universitätsspitals Zürich und Angebote aus den Bereichen Bildung sowie Kunst und Kultur, wenn der ArtHub mit Galerien und Kunstforen diesen Herbst eröffnet wird.

Nur aus der Luft erkennt man, dass «The Circle» aus sechs einzelnen Gebäuden besteht, die sich, untereinander verbunden, an den neu gestalteten Butzenbüelpark schmiegen. Zwischen den Gebäuden flanieren die Passanten (fast) unter freiem Himmel.

Eine Stadt im Kleinen

«The Circle» wurde als modulares Gebäude konzipiert. Das heisst, der ringförmig geschlossen wirkende Bau besteht eigentlich aus mehreren Gebäuden, die in sich wieder so verwinkelt sind, dass es Besucherinnen und Besuchern vorkommt, eher in einem Quartier als in einem Haus zu weilen. Die Krümmung des Terminals wird von der überhängenden Glasfassade zum Flughafen aufgenommen und öffnet sich als kleinräumiges, durchscheinendes Ensemble von Häusern und Gassen zum Park auf dem Hügel. Eben wie eine Stadt.
Der Architekt spricht deshalb auch von einem Knotenpunkt. Hier treffen Passagiere auf Einheimische und Lokales trifft auf Internationales.

Von aussen Gebäude, von innen Stadt: Elf Stockwerke in sechs untereinander verbundenen Gebäudekomplexen – das ist «The Circle».

Passantenströme 

Ein wesentliches Element jeder Stadt sind die Verkehrsflüsse. Auf «The Circle» übertragen heisst dies: Wie bewegt man tagtäglich abertausende von Menschen in einem halbgeschlossenen Konglomerat über elf Etagen? Die Antwort ist so simpel wie schlüssig: mit 97 Aufzügen und zwölf Fahrtreppen, die vom zweiten Untergeschoss bis zur zehnten Etage fahren und zwischen zwei und zwölf Haltestellen bedienen. Einer, der sich neben dem Architekten wohl am besten in dieser Riesenbaute auskennt, ist Mirko Apel, Grossprojektleiter bei Schindler. Noch heute, durch den pulsierenden Circle schlendernd, entgeht ihm kein Detail. In einer der boulevardartigen Gassen, deren Glasfassaden sich nach oben verengen und das Altstadtgefühl vermitteln, weist er auf einen nicht auf Anhieb sichtbaren Aufzugsschacht direkt hinter der Glasfassade. Anstatt die Aufzüge in den Kern der Gebäude zu legen, liegen sie an ausgesuchten Orten an der Aussenwand.

Mit seinen Dimensionen bleibt er bis auf Weiteres das grösste und teuerste private Hochbauprojekt der Schweiz.

Ein Gebäude mit 88 Aufzügen

Über alle Module gerechnet gibt es einen Grundausbau an insgesamt 88 Aufzügen. Die Hotels und Geschäftsliegenschaften wurden darüber hinaus so konzipiert, dass die Mieter den Innenausbau nach eigenen Ideen gestalten konnten. Dies schloss die Möglichkeit ein, Aufzüge in die mehrgeschossigen Ladenflächen einzubauen. «Bei der Wahl des Liftbauers in den Stores», erklärt Mirko Apel, «waren die Mieter frei; trotzdem haben sich alle für einen Aufzug von Schindler entschieden.»
Auch das Hyatt Regency Hotel transportiert seine Gäste in Aufzügen von Schindler. Aussergewöhnlich an diesen Anlagen sind die aus schwarzem Edelstahl gefertigten Kabinenverkleidungen, Türzargen und Rufsäulen, eingebettet in italienischen Naturstein. Kommentar des Schindler Gross­projekt­leiters: «Eine Augenweide!»
«The Circle» war zwar auch für die HRS Real Estate AG, den Realisierungs­partner der Bau­herrschaft, bestehend aus der Flughafen Zürich AG und der Swisslife AG, eines der grössten je gebauten Gebäude. Der mit der Gesamt­projektleitung «Ausführung» betraute Claudio Zanella (HRS) relativiert: «Nicht die Grösse allein machte ‹The Circle› zur Herkules­aufgabe, sondern die Logistik, die Koordination der Gewerke.» An diesem Punkt hebt er die Zusammen­arbeit mit Schindler hervor. Mirko Apel war mit seinem Team über drei Jahre vor Ort, denn die Aufzugs­montage beginnt im betonierten Aufzugss­chacht und endet erst mit den unter­schied­lichen Bau­abnahmen. So konnte sich die HRS stets an das Schindler-Team vor Ort wenden, berichtet Claudio Zanella.

Kundenlifte – die Mieter konnten den Innenausbau individuell mit einem Lift gestalten wie auf den Retailflächen eines Anbieters für Wohnkonzepte von Arbeits- und Wohnräumen im Premiumsegment.

Events für 2500 Gäste

Nun aber ruhen die Arbeiten, und statt zahlloser Arbeiter drängen bis zu 2500 Besucher­innen und Besucher in die Convention Hall, die zwischen den beiden Hyatt-Hotels liegt. Im «Circle» vereinen sich scheinbar einfache Dinge zu einem grösseren Ganzen: mit Tram oder S-Bahn zum Flughafen fahren. Durch den Tunnel, den das Airport Center an «The Circle» anbindet, mitten hinein. Über Fahrtreppen hinauf auf die «Brands & Dialogue» genannte Plaza, von dort ins nahe Hotel und über die Aufzüge und Fahr­treppen in die Convention Hall. Hier vereinen sich aber auch Ingeniosität und Innovation: In mehreren Aufzugs­schächten wurde erstmals ein von Schindler entwickeltes Roboter-Installations­system für Aufzüge eingesetzt.
Sicherheit und Qualität sind zwei Schlüssel für eine Umsetzung all der Strukturen, die einen Ort für die Menschen so lebenswert machen, wie es sich der Architekt vorstellt. Verschiedentlich wurde für Flughäfen schon der Begriff des «Nicht-Orts» geprägt, gesichtslos, seelenlos. Riken Yamamoto hat dem neuen Flughafen­komplex «The Circle» mehr als ein Gesicht gegeben. Er hat eine örtliche und räumliche Identität geschaffen, in der Passagiere von fern, genauso wie Passant­innen aus der Umgebung, ein- und ausgehen werden.

Der ringförmig geschlossen wirkende Bau besteht eigentlich aus mehreren Gebäuden, die in sich wieder so verwinkelt sind, dass es Besucherinnen und Besuchern vorkommt, eher in einem Quartier als in einem Haus zu weilen.

Nach fünf Jahren Bauzeit bilden Park und Baute die ersehnte Einheit.
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