Grün und gesund in die Zukunft

Einer der ersten grünen Leuchttürme in Europa war das Wald-Hochhaus in Mailand. Solche Objekte sind schön und gut. Aber ein vertikaler Wald macht noch lange keine Green City. Das haben auch die Stadtplaner erkannt und versuchen, neuartige Konzepte voranzubringen, die sich auch positiv auf die psychische und physische Gesundheit der Menschen auswirken sollen.

Das Leben in der Stadt ist schnell und manchmal auch stressig. Der Verkehr rauscht den ganzen Tag, Abgase liegen in der Luft. Im Sommer staut sich die Hitze, Parks zur Erholung oder zum Sport- treiben sind teils rar gesät. Dabei sind die positiven Effekte grüner Projekte in Städten auf Natur, Umwelt und die Gesundheit des Menschen unstrittig. Zahlreiche Studien haben sich mit dem Thema befasst und kommen letztlich immer zum selben Schluss: Gesundheit und Lebensqualität verbessern sich. Grün macht sogar glücklich: «In Zeiten, in denen Menschen näher an Grünflächen leben, ist ihre psychische Gesundheit und Zufriedenheit höher als in Jahren, in denen sie hauptsächlich von Gebäuden umgeben sind», erklärt etwa Mathew White, Wissenschaftler an der University of Exeter.
Ein Forscherteam von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sieht in städtischen Grünflächen sogar ein Präventionsmittel, um psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken. Wer sich in der Natur aufhält, senkt sogar sein Aggressionslevel, wie das deutsche «Bundesgesundheitsblatt» berichtet. Bewegung in der Natur und im Grünen fördert laut der Umweltmedizinerin Daniela Haluza aus Wien zudem die Entspannung und reduziert den Stresspegel.

Bosco Verticale in Mailand: Wenn man das Hochhaus vor lauter Bäumen (fast) nicht mehr sieht …

Saubere Stadt statt Schadstoffe

Nun ist es bereits so, dass mehr als die Hälfte der 7,8 Milliarden Menschen, die die Erde bevölkern, in Städten wohnt. Tendenz steigend. Es sind also neue Konzepte nötig, um den Lebensraum Stadt nachhaltig zu verändern. Eine saubere Stadt mit gutem Klima ist nicht nur lebenswerter, sondern auch gesünder. Der wichtigste Ansatz, den die Planer derzeit verfolgen, lautet Begrünung. Parkanlagen, Grünstreifen, bepflanzte Dächer und Hausfassaden helfen in vielerlei Hinsicht. Pflanzen und Bäume filtern Schadstoffe, speichern Wasser und tragen dazu bei, die Temperaturen in hitzigen Sommermonaten zu senken und der Klimaerwärmung entgegenzuwirken. Die folgenden Beispiele zeigen, wie die grüne und gesunde Stadt der Zukunft aussehen könnte.

Wald in der City

Die Idee, Hausfassaden zu nutzen, stammt vom französischen Gartenkünstler Patrick Blanc. Er schuf bereits 2007 einen vertikalen Garten in Madrid, indem er die Seitenwand eines Gebäudes komplett mit Pflanzen bedeckte. Später folgte der Bosco Verticale in Mailand, der das Grün gleich in den Lebensmittelpunkt der Hochhausbewohner rückte, weil auf den Terrassen und Balkonen 900 Bäume und mehr als 2000 Pflanzen angesiedelt wurden.
Wirklich angehen lässt sich die die ökologische, nachhaltige und grüne City wohl nur auf stadtplanerischer Ebene, wie das Beispiel Paris zeigt, wo Bürgermeisterin Anne Hidalgo den Wandel vorantreibt. Nach ihrer Wiederwahl 2020 rief sie ihren Anhängern zu: «Wir müssen endlich auf Grün umschalten.» Hidalgo ist dabei, Autos komplett aus der Stadt zu verbannen, schafft Parkplätze ab, baut dafür Fahrrad-Schnellwege und Parks. Als Ziel hat sie auch ausgegeben, ein Drittel aller Fassaden und Dächer zu begrünen. Zudem soll jede Schule einen Obstgarten erhalten, jeder Pariser eine eigene Grünfläche gestalten dürfen und jedes neue öffentliche Gebäude Platz für Urban Farming bieten.

Eine Wand mit 15'000 Pflanzen – der vertikale Garten ist zu einem Aushängeschild für das «grüne Madrid» geworden.

Vom Flughafen zum Wasserspeicher

Pläne, die in diese Richtung gehen, existieren auch in Berlin. Der Lösungsansatz, um mit den Wetter­extremen neuerer Zeit klarzukommen, die der deutschen Hauptstadt Hitzeperioden mit an die 40 Grad und grosser Trockenheit bis hin zu Starkregen-Ereignissen bescherten, heisst «Schwamm­siedlung». Eine solche soll auf dem stillgelegten Flughafen Tegel entstehen. Geplant ist, den Airport zum Wohnquartier zu machen und das (Niederschlags-)Wasser möglichst lange dort zu halten. Vorgesehen sind Grünanlagen und Klima­grün­dächer, die das Wasser leicht aufnehmen und mit Pflanzen bestückt sind, die über die Blattoberflächen eine gute Verdunstung erreichen. Die Effekte: Wasserspeicherung und Kühlung – je nach Wetter.
Dächer rücken bei den Stadtplanern mehr und mehr in den Fokus, denn der Platz, um Grünflächen und Parks am Boden zu schaffen, ist begrenzt. Doch Parkhäuser, Hotelgebäude, Einkaufszentren und sogar Müll­verbrennungs­anlagen bieten Potenzial. Auf öffentlichen Dächern können Städte den grünen Ansatz selbst vorantreiben. Um ein Umdenken bei Privatleuten zu erzielen, hilft meist nur eine Finanzspritze. Aus praktischer Sicht stellt sich auf Dächern oftmals das Problem, dass zumeist nur eine niedrige Substratschicht zum Einsatz kommt, auf der sich nicht viel mehr als einfache Gräser anpflanzen lassen. Wer mit einer höheren Erdschicht arbeitet, kann attraktivere Freiflächen gewinnen, die nicht nur gut für die Umwelt sind, sondern als Dachgärten auch Erholungsraum für Privatleute oder Pausenraum für Mitarbeitende eines Unternehmens sein können.

In Zeiten, in denen Menschen näher an Grünflächen leben, ist ihre psychische Gesundheit und Zufriedenheit höher als in Jahren, in denen sie hauptsächlich von Gebäuden umgeben sind.

Dach neu denken

In Zürich hat man die Problematik erkannt. Die Stadt schreibt für eine ökologisch wertvolle Dachbegrünung zum Beispiel Qualitätssubstrat mit einer Wasserspeicherfähigkeit von mindestens 45 Litern pro Quadratmeter vor. Die Schichtdicke im gesetzten Zustand muss zehn Zentimeter betragen. Zudem ist der Bauherr angehalten, Substrathügel mit mindestens 3 Metern Durchmesser und mindestens 20 Zentimetern Höhe anzulegen.
Auch wenn, wie zum Beispiel in Zürich, die Bau- und Zonenordnung (BZO) seit 2015 vorschreibt, dass Solaranlagen und Dachbegrünung kombiniert werden müssen, so ist das Potenzial in der Schweiz noch längst nicht ausgeschöpft. Dabei liegen die ökologischen und gesundheitlichen Vorteile auf der Hand: Bepflanzte Dachflächen kühlen bei Hitze, sie reinigen die Luft und binden Schadstoffe. Gleichzeitig halten sie Regenwasser zurück und geben es erst durch Verdunstung in den natürlichen Wasserkreislauf ab. Ein derartiges Dach wirkt wie ein kleines Biotop, bietet Lebensraum für Pflanzen, Insekten und Vögel. Grün ist gesund und macht glücklich. Das gilt auch für Menschen.

Paris ohne Autos? Zumindest die Champs-Elysées sind jeden ersten Sonntag im Monat nur für die Fussgänger bestimmt.

SINGAPUR

Reisfelder und Gürteltiere mitten in der City


In Singapur leben die Menschen so dicht aneinander wie nirgendwo sonst auf der Welt. Platz ist knapp. Und dennoch ist die Stadt ein grünes Vorbild. Die Bewohnerinnen und Bewohner profitieren von bepflanzten Fassaden, Dachgärten, Öko-Konzepten, Parks, Grünanlagen und nachhaltigen Ideen, um Energie zu sparen und die Umwelt zu schonen.

Blick über die «Gardens by the Bay» in Singapur mit Riesenrad und Supertrees.
Blick über die «Gardens by the Bay» in Singapur mit Riesenrad und Supertrees.

Der Dschungel kehrt in die Stadt zurück. Die Gebäude in Singapur könnten auch aus einem Science-Fiction-Film stammen. Moos und Farne, Palmen und Bäume wuchern zwischen Glas, Stahl und Beton. Mit den Wolkenkratzern wachsen Parks und Gärten in den Himmel. Die Bewohnenden ernten Bananen auf ihren Dächern, Balkone verwandeln sich in Mini-Wälder, grüne Fassaden überall. Der Stadtstaat Singapur ist das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte weltweit. Auf der kleinen Insel, die flächenmässig etwa so gross ist wie Hamburg, leben mehr als fünf Millionen Menschen dicht an dicht. Zu den wichtigsten Aufgaben zählt, auf wenig Platz möglichst viel Wohnraum zu schaffen. Doch Singapur hat viel mehr im Sinn: Es will die grünste Stadt auf Erden werden.

Singapur ist das grüne Zukunftslabor schlechthin. Start-ups präsentieren Pflanzenwände, die sich automatisch das nötige Wasser und die erforderlichen Nährstoffe ziehen.

Wer in Singapur bauen will, braucht eine Art Öko-Zertifikat: Mit einer Aussenwand aus Moos oder einem Beet auf dem Dach ist es nicht getan. Bauherren müssen nachhaltige Aspekte berücksichtigen, Sonnenlicht nutzen, auf Klimaanlagen verzichten und den Energieverbrauch senken. Das gilt natürlich auch für öffentliche Gebäude, und so profitieren Schulen oder Krankenhäuser von der Philosophie. Gleichzeitig räumt der Staat jedem Bürger ein grünes Fleckchen ein und spendiert obendrein noch das Saatgut. Auf diese Weise sind sogar schon Mini-Reisfelder auf verschiedenen Dächern entstanden.

Die grüne Naturfassade von «Parkroyal on Pickering» in Singapur-Stadt.

ETH erforscht Singapur

Singapur ist das grüne Zukunftslabor schlechthin. Start-ups präsentieren Pflanzenwände, die sich automatisch das nötige Wasser und die erforderlichen Nährstoffe ziehen. Die Wissenschaft untersucht die positiven Effekte der grünen Ideen und erörtert, wie sich diese auf andere Megacities übertragen lassen. Auch die ETH mischt mit und hat sich 2015 mit der Singapore University of Technology and Design zusammengetan. Es geht um die Erforschung nachhaltiger Strategien für Städte der Zukunft. Demnach hat man es in Singapur an untersuchten Gebäuden geschafft, die Oberflächentemperatur dank extensiver Begrünung um bis zu 23,5 Grad zu senken. Singapurs grüne Projekte wirken nicht nur positiv auf Körper und Wohlbefinden der Stadtbewohner, sie erhöhen unter anderem auch die urbane Biodiversität. Europäer berichten oft verwundert vom Artenreichtum mitten in der City, wo Warane, Gürteltiere, Frösche oder exotische Vögel zum Alltagsbild gehören.

Längst hat unter den Architekturbüros in Singapur eine Art Überbietungswettbewerb eingesetzt. Jeder will noch grüner, nachhaltiger, gesünder bauen.

Grün und gesund zieht kluge Köpfe an

Singapur hat Milliarden investiert, um Parks und grüne Lungen zu bauen. Land wird nicht auf Teufel komm raus verkauft. Im Gegenteil: Die Stadt hat 1,4 Millionen Bäume im öffentlichen Raum gepflanzt, neun Prozent der Landfläche wurden für Parks und Naturreservate reserviert. Die Areale sind grösstenteils miteinander verbunden, damit die Bewohnerinnen und Bewohner überall in der Stadt im Grünen spazieren gehen oder joggen können. Auch bei Prestigeobjekten wie «Gardens by the Bay» hat Singapur nicht gekleckert. Man kennt vor allem die pflanzenbewachsenen Stahlgerüste. Diese sogenannten «Supertrees» sind optisch eine Wucht und bereits zum Symbol für Singapur geworden. Eigentlich sind sie aber Stromproduzenten, Niederschlagsspeicher und Öko-Klimaanlage für die Glashäuser, in denen Pflanzen aus Vegetationsstufen zwischen 1000 und 3000 Meter über dem Meeresspiegel wachsen. Die Rechnung Singapurs geht nach Meinung von Experten auch deswegen auf, weil eine grüne, lebenswerte und nachhaltige Stadt heutzutage ein wichtiger Faktor ist, um kluge Köpfe aus aller Welt anzulocken, welche die Wirtschaft ankurbeln. Dennoch überrascht die Erkenntnis, dass Bau und Instandhaltung von dichten und grünen städtebaulichen Projekten erschwinglich sind. In den untersuchten Projekten in Singapur tragen sie zwischen 1,5 und 4,5 Prozent zu den Gesamtkosten bei.
Längst hat unter den Architekturbüros in Singapur eine Art Überbietungswettbewerb eingesetzt. Jeder will noch grüner, nachhaltiger, gesünder bauen. Hotels sehen aus wie die Eingangspforte zum Dschungelbuch. Hinter den grünen Fassaden des Parkroyal on Pickering verbirgt sich ein Regenwasser sammelnder Dachgarten. Das Oasia Hotel punktet mit einer Gitternetzfassade aus Kupfer, auf der tropische Pflanzen wachsen. Kein Science-Fiction-Film, sondern nur Singapur.

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