Gesund leben in der Stadt der Zukunft

In der zukunftsgerichteten Stadtentwicklung ist Nachhaltigkeit das vorherrschende Thema. Energieeffiziente Bauten, ausgedehnte Grünflächen, ein gut funktionierender öffentlicher Verkehr: Überall auf der Welt wird nach der Formel gesucht, wie eine Stadt ihren Bewohnern ein gesundes und interessantes Leben ermöglichen kann.

Malmö, Schweden

Aus der Not eine Tugend gemacht

Der Niedergang der Werftindustrie liess Malmö in den Achtzigerjahren als Industrieruine mit rekordhoher Arbeitslosigkeit zurück. Die Stadt musste sich komplett neu erfinden. Auf dem Gelände des einstmals grössten Schiffbauers der Region entstand auf 175 Hektaren der nachhaltig konzipierte Stadtteil Västra Hamnen. Dieser bietet einen breiten Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit. Das Viertel ist durchzogen von Grünflächen, künstlichen Wasserläufen, Teichen und Springbrunnen. Zahlreiche Restaurants und Cafés ziehen Publikum an und Einrichtungen wie eine Skateranlage und Badeplätze bieten gezielt auch Jugendlichen Raum. Die Energieversorgung funktioniert autark und basiert auf der Nutzung von Wind- und Sonnenenergie sowie ­Biogas und Wärmepumpen. Meilensteine des Projekts waren die Eröffnung der neuen Universität 1998 sowie des 190 Meter hohen Hochhauses ­Turning Torso, das zum neuen Wahrzeichen der Stadt avanciert ist. Dazwischen entstand eine bunte Vielfalt an Architektur, die bewusst mit unterschiedlichen Höhen und Ausrichtungen Spannung und Abwechslung kreiert. Kein Zufall ist übrigens, dass viele Gebäude Dachgärten aufweisen. Diese Idee hat in Malmö Tradition und wurde schon in der Aufwertung des einstmals heruntergewirtschafteten Wohnviertels Augustenborg, das unter starker Abwanderung litt, erfolgreich umgesetzt. Aus diesem Projekt entstand gar das Scandinavian Green Roof Institute, um das Wissen über die Gründächer zu mehren.

Melbourne, Australien

Wenn die nachhaltige Entwicklung existenziell wird

Siebenmal in Folge hat das britische Magazin The Economist die australische Metropole Melbourne bis 2017 zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Dennoch legen die Stadtväter ihre Hände nicht in den Schoss. Denn Melbourne kämpft auch mit einigen Herausforderungen. So ist die Stadt in der Vergangenheit an den Rändern gewachsen, wo sich unzählige Einfamilienhäuser ins ökologisch und landwirtschaftlich hochwertige Grasland hineinfrassen. Das ist nicht nur aus Sicht der Natur bedauernswert. Vielmehr bedroht der Klimawandel mit sich mehrenden Hitzewellen und daraus resultierenden Starkregen und Buschfeuern eben diese Neubauviertel in existenzieller Weise. Um das auch in Zukunft zu erwartende Wachstum aufzufangen, hat sich die Stadt eine nachhaltige Strategie zurechtgelegt. Diese sieht vor, die Stadt an Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrsnetzes zu verdichten. Zudem soll der Ausbau der Metro deren Kapazität erweitern. Auch sollen die Wege verkürzt werden, indem alle Stadtbewohner nicht länger als 20 Minuten zu Fuss, auf zwei Rädern oder mit dem öffentlichen Verkehr benötigen, um ihre wichtigsten täglichen Einkäufe zu erledigen. Der ehrgeizige Plan sieht vor, dass Melbourne den CO2-Ausstoss auf netto null reduziert. Dazu müssen auch bestehende Gebäude sukzessive erneuert werden. Um den immer heisser werdenden Sommermonaten entgegenzutreten, ist vorgesehen, in der ganzen Stadt zahlreiche schattenspendende Bäume zu pflanzen – auf Plätzen sowie entlang von Strassen und Schienenwegen. So will Melbourne baldmöglichst an die Spitze der lebenswerten Städte zurückkehren.

Heilbronn, Deutschland

Die Bevölkerung in die Planung miteinbezogen

Aus der Bundesgartenschau 2019 im deutschen Heilbronn entspringt ein spannendes Stadtentwicklungsprojekt. Für die Schau wurde auf einer Gewerbebrache am Rand der Innenstadt ein Musterquartier errichtet. Die Stadtausstellung Neckarbogen umfasst 22 Wohngebäude mit fünf bis zehn Etagen für Mieter und Eigentümer jeden Alters, ein Studentenwohnheim und integrative Wohnformen für Menschen mit einem Handicap. Vielfältig ist auch die Architektur, die unterschiedlichen Materialisierungen, begrünte Fassaden und das höchste Holzgebäude Deutschlands. Modernste Haustechnik, Ladeplätze für Elektrofahrzeuge sowie Bikesharing-Angebote sind hier selbstverständlich. Durch interessante Alternativen und gute Radwegverbindungen hoffen die Planer, die Bewohner zum freiwilligen Verzicht auf das eigene Auto bewegen zu können. Im Kontext der Bundesgartenschau wenig erstaunlich ist das besondere Gewicht, das im Neckarbogen dem Urban Gardening eingeräumt wird. Hochbeete in den Höfen und auf den Dächern sollen vor allem auch Kindern das Ziehen von eigenen Blumen, Obst und Gemüse ermöglichen.
Nach Abschluss der Bundesgartenschau wird die Stadtausstellung zum Stadtquartier ausgebaut. So wird die Bewohnerzahl von zunächst 500 bis zum Jahr 2030 auf 3500 wachsen. Im Endausbau sollen im Neckarbogen zudem 1000 Arbeitsplätze angesiedelt werden. In den Planungsprozess wurde die Bevölkerung von Beginn an konsequent einbezogen. In Informationsveranstaltungen, Workshops und auf Rundgängen konnten Interessierte sich einbringen und mitdiskutieren.

Curitiba, Brasilien

Die am besten organisierte Stadt Südamerikas

Dass auch in der Vergangenheit Stadtplaner schon gute Arbeit geleistet haben, illustriert das Beispiel der brasilianischen Stadt Curitiba im Südosten des Landes. Ausgedehnte Grünflächen gestatten den knapp zwei Millionen Einwohnern in der Metropole durchzuatmen. Für jeden Einwohner stehen 50 Quadratmeter zur Verfügung. Allein der botanische Garten erstreckt sich über 28 Hektaren. Auch die Bildungseinrichtungen geniessen einen ausgezeichneten Ruf. Unter anderem steht hier die älteste Bundesuniversität Brasiliens. Zudem ist Curitiba bekannt für seine Kulturvielfalt, die aus gelungener Architektur, Museen und einer Oper besteht und auch einem Theaterfestival eine Bühne bietet. Besonders stolz ist die Stadt aber auf ihr öffentliches Nahverkehrssystem, das weltweit als vorbildlich gilt. 85 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner nutzen regelmässig den ÖV und bewegen sich zu einem Einheitspreis an jeden erdenklichen Punkt. Das System besteht aus einem ausgeklügelten hierarchisch organisierten Netz aus Busverbindungen, die einerseits ringmässig um die Stadt herumführen und anderseits die verschiedenen Stadtteile miteinander und mit dem Zentrum verbinden. Sogenannte Einstiegsröhren, die als Spezialität Curitibas gelten, ermöglichen einen Hochflurzugang zu den Bussen und organisieren den Passagierwechsel an den Haltestellen sehr effizient, sodass die Haltezeiten möglichst kurz gehalten werden können. Nicht umsonst gilt Curitiba als am besten organisierte Stadt Südamerikas.

Liuzhou, China

Saubere Luft dank grünen Fassaden

Die Kehrseite des rasanten Wachstums der chinesischen Wirtschaft ist bekannt. Die Emissionen des Strassenverkehrs und unzähliger Kohlekraftwerke belasten in vielen Grossstädten die Luft. Ungelöst sind vielenorts auch die Abfallentsorgung und die Abwasserreinigung. Als Antwort darauf arbeitet die chinesische Führung an verschiedenen Ökostadtprojekten. So soll etwa in Liuzhou, einer der ältesten Städte Chinas, im Süden des Landes ein neuer Stadtteil als Dschungelstadt gebaut werden. Den Masterplan hat der italienische Architekt Stefano Boeri entworfen. Seine Idee: alle verfügbaren Flächen zu begrünen. Dabei sollen Bäume und Büsche nicht nur in Gärten und Parks sowie auf Plätzen gepflanzt werden. Vielmehr will Boeri auch die Fassaden der Häuser bis zum Dach hinauf mit Pflanzen bestücken. Auf den 175 Hektaren sollen 40'000 Bäume und eine Million weitere Pflanzen wachsen. Diese sollen die Stadtluft von 10'000 Tonnen Kohlendioxid und 57 Tonnen Feinstaub befreien. Zudem erhoffen sich die Planer vom Stadtwald eine Senkung der Lufttemperatur. Soweit die Theorie. Skeptiker bezweifeln, ob alle diese Effekte im gewünschten Ausmass eintreten werden, und befürchten gar, dass statt des dichten Smogs ein feuchtheisses Regenwaldklima den 30'000 Bewohnern zu schaffen machen könnte. Fest an den Erfolg glauben die chinesischen Städteplaner. Sie haben Boeri beauftragt, in der Industriestadt Shijiazhuang eine Waldsiedlung
zu planen, die mehr als dreimal so gross werden soll.

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