Gesund bauen: Luft nach oben

Gesundes Bauen ist noch kein etabliertes Konzept sondern gleichsam ein Hybrid aus zahlreichen Strömungen wie dem ökologischen und naturnahen Bauen, dem energieeffizienten und nachhaltigen Bauen oder den Bestrebungen für ein gesundes Innenraumklima.

Architekt Werner Schmidt setzt auf Strohhäuser.

In vielen Ländern verbringen die Menschen schon lange deutlich mehr Zeit in Innenräumen als in der freien Natur. Seit dem letzten Frühling zeigt sich diese Entwicklung aufgrund der Corona-Pandemie besonders deutlich. Denn durch die monatelangen Homeoffice-Perioden verschmelzen Büro und Wohnung zum selben Ort. Die räumliche Überlappung von Wohnen, Arbeiten und Entspannen führt oft zur Erkenntnis, dass die eigene Wohnsituation nicht optimal ist.

Bekanntes nutzen

Ein gesundes Innenraumklima ist entscheidend für das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner. In der Praxis zeigt sich, dass dieses sehr vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Aspekte wie die Reinigung und Umwälzung der Luft, die Vermeidung von Zugluft oder die thermische Behaglichkeit können von der Gebäudetechnik relativ gut kontrolliert werden. Anders sieht es jedoch bei Stoffen aus, die das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner beeinträchtigen. Im Fokus stehen flüchtige organische Verbindungen (Volatile Organic Compounds, VOC). Eine mögliche Strategie ist deshalb der Einsatz möglichst natürlicher, seit vielen tausend Jahren bekannter Baustoffe.
Dazu gehören beispielsweise Holz, Lehm oder Stroh. Sie emittieren keine problematischen VOC und die Verwendung möglichst weniger Baustoffe reduziert die Komplexität zusätzlich. Zudem haben sie einen ausgesprochen günstigen Einfluss auf das Innenraumklima. So sind etwa Lehmputze nicht nur frei von problematischen Stoffen, sondern können auch relativ viel Feuchtigkeit aufnehmen und langsam wieder abgeben. Damit dienen sie als natürlicher Puffer für die Luftfeuchte, was die Behaglichkeit des Innenraumklimas sowohl im Sommer wie im Winter steigert.

Das gesunde Bauen ist nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner sinnvoll, sondern auch für die Gesamtenergiebilanz der Bauten.

Bewährte Klassiker

Die natürliche Fähigkeit, als Baustoff Feuchtigkeit aufzunehmen (Sorption), zeichnet nicht nur den Lehm aus, sondern auch das Holz. Während sich die Luftfeuchtigkeit beim Massivbau über Monate hinweg einpendeln muss, wird bei Holzbauten ausschliesslich trockenes Material verbaut. Deshalb herrscht bereits beim Einzug in einen Holzbau ein behagliches Klima. Lehm und Holz sind zudem lokal oder zumindest regional verfügbare Baustoffe, die mit wenig Aufwand gewonnen und transportiert werden können. Die graue Energie ist damit insbesondere im Vergleich zum Massivbau mit Beton sehr viel geringer. Das gesunde Bauen ist also nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner sinnvoll, sondern auch für die Gesamtenergiebilanz der Bauten.

Reduzierte Gebäudetechnik

Unabhängig von der Bauweise eines Gebäudes ist eine gute Lüftung notwendig, damit Schadstoffe und CO2 aus der Innenraumluft entfernt sowie eine zu hohe Luftfeuchtigkeit vermieden werden. Konventionelle Neubauten besitzen heute eine sehr dichte Gebäudehülle und dreifach verglaste Fenster der obersten Leistungsklassen. Der automatische Luftaustausch durch Ritzen und Spalten funktioniert nicht mehr, weshalb in der Regel eine mechanische Lüftung notwendig ist.

In den letzten Jahren hat die Erforschung biologischer Rhythmen, die sogenannte Chronobiologie, interessante Zusammenhänge zwischen Licht und menschlichem Schlafrhythmus aufgedeckt.

Guter Wohnkomfort

Ein gutes Innenraumklima, behagliche Temperaturen und eine zuverlässige Gebäudetechnik sind viel wert. Doch wer das gesunde Bauen konsequent verfolgt, muss weitere Themen berücksichtigen. Häufig unteschätzt wird insbesondere der angemessene Schallschutz.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die ausreichende Belichtung der Zimmer und Wohnflächen. In den letzten Jahren hat die Erforschung biologischer Rhythmen, die sogenannte Chronobiologie, interessante Zusammenhänge zwischen Licht und menschlichem Schlafrhythmus aufgedeckt. Sehr wichtig für einen funktionierenden Biorhythmus ist zum Beispiel die optische Verbindung zwischen Mensch und Tageslicht. Fehlt diese respektive wird die innere Uhr durch Kunstlicht aus dem Takt gebracht, kann dies zu Schlafstörungen führen. Ebenso gilt die Regel, dass die Farbtemperatur des Lichts möglichst derjenigen der Sonne im Tagesverlauf angepasst werden sollte (Human Centric Lighting, HCL). Am Morgen sind deshalb mehr Blaulichtanteile (kaltes Licht) sinnvoll, am Abend hingegen weniger (warmes Licht).
Auf der Kostenseite muss der bewusste Umgang mit Materialien und Ressourcen kein Nachteil sein. «Das Bauen mit natürlichen Baumaterialien ist im Vergleich zur konventionellen Bauweise etwa fünf bis zehn Prozent teurer», sagt Architekt Werner Schmidt. Durch eine geschickte Anordnung der Räume könne jedoch die Wohnfläche ohne Komfortverluste ebenfalls um fünf bis zehn Prozent reduziert werden.

Architekt Werner Schmidt hat in den letzten Jahren rund 80 Bauten mit Strohdämmung realisiert.
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