Future Cities Laboratory – mit Adlerblick in die Zukunft

In Singapur betreibt die ETH Zürich seit 2010 das «Future Cities Laboratory». Das ambitionierte Forschungsprogramm will die Stadt der Zukunft möglich machen. Diese ist grün und lebenswert, aber auch widerstandsfähig und effizient.

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus – und wie bleibt sie für ihre Bewohnerinnen und Bewohner trotz starkem Wachstum lebenswert? Dieser Frage geht seit über zehn Jahren das «Future Cities Laboratory» (FCL) nach, das bekannteste Programm des 2006 gegründeten «Singapore-ETH Centre». Die Basis in Südostasien dient als zweiter Forschungsstandort und vernetzt die ETH mit führenden Universitäten aus der ganzen Welt (siehe Infobox). Die Forschung am FCL ist jeweils in Fünfjahresphasen organisiert. Die erste Phase bestand noch aus zahlreichen einzelnen Forschungsprojekten. Bei der zweiten Phase, die noch bis Ende 2020 läuft, hat man drei Schwerpunkte gesetzt.
Der erste Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem Leben in hochverdichteten Städten. Häufig werden diese von gravierenden Verkehrs- und Infrastrukturproblemen geplagt. Um solche Probleme erstens darstellen und zweitens lösen zu können, arbeitet man beispielsweise mit Big-Data-Zugängen oder neuen Visualisierungsmethoden. Um «Responsive Cities» geht es beim zweiten Schwerpunkt. Mithilfe von moderner IT-Technologien soll zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr, aber auch der Fussverkehr, engmaschiger erfasst und mittels Simulationen optimiert werden können. Mit dem dritten Schwerpunkt, den «Archipelstädten», soll schliesslich die unkontrollierte Urbanisierung in zukunftsfähigere Bahnen geleitet werden.

Vernetzte Betrachtung

Kees Christiaanse ist emeritierter Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich. Er hat Aufbau und Ausrichtung des FCL während der ersten zehn Jahre massgeblich mitgeprägt. Daneben war er mehrfach Jurymitglied beim Schindler Global Award, dem führenden Urban-Design-Wettbewerb mit Schwerpunkt Mobilität. Den Forschungszugang des FCL beschreibt Kees Christiaanse wie folgt: «Um der Komplexität und Vernetzung moderner Grossstädte gerecht zu werden, muss man sie gewissermassen aus der Adlerperspektive betrachten. Mit diesem übergeordneten, integrativen Zugang können wir verschiedene Disziplinen integrieren, statt isolierte Forschung in Einzelbereichen zu betreiben.»

Eine Ausstellung informiert über die aktuellen Forschungsprojekte des FCL.

Den Wandel gestalten

Diese integrative Forschung äussert sich in zahlreichen verschiedenen Forschungsvorhaben. Zum Schwerpunkt «hochverdichtete Städte» gehört zum Beispiel das Projekt «Ecosystem Services in Urban Landscapes». Es untersucht, wie städtische Grünflächen und Parks optimal gestaltet werden können. Das Ziel ist, von den sogenannten Ökosystemdienstleistungen dieser Grünflächen zu profitieren (Hochwasserschutz, Kühlungsfunktion, Erholungswert für die Bevölkerung). Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf Europa und Nordamerika, das FCL erweitert die Fragestellung nun auf den tropischen Raum.
Der zweite Schwerpunkt, die «responsive Stadt», zielt auf die kontinuierliche Verbesserung von Dienstleistungen und Infrastruktur mittels Feedback von Bewohnerinnen und Bewohnern. So wird etwa mit dem Projekt «Planning for Autonomous Vehicles» erforscht, inwiefern autonome Fahrzeuge die Mobilität in Singapur verändern könnten. In die Simulationen fliessen Daten aus Benutzerverhalten sowie Verkehrs- und Stadtplanung ein. Das Ziel ist, vom Fortschritt nicht überrumpelt zu werden. Denn wie schnell neue Mobilitätsangebote das Stadtleben verändern können, zeigen etwa die Elektro-Scooter, die 2019 quasi über Nacht in zahlreichen Städten rund um die Welt aufgetaucht sind.

Fortschritt und Flexibilität

Mit dem dritten Forschungsschwerpunkt, den «Archipelstädten», wird die westlich geprägte Theorie der Stadt an die rasche, oft chaotische Urbanisierung in Südostasien, China und Indien angepasst. Ein Teilbereich davon ist der Umgang mit Ressourcen. So wird etwa mit dem Projekt «Alternative Construction Materials» das Potenzial von neuartigen Verbundwerkstoffen aus Fasern oder Myzelien (Pilzzellen) ebenso geprüft wie das Bauen mit «Abfall» respektive recyclingfähigem Material.
Mit solchen und vielen weiteren Einzelprojekten erforscht das FCL also vielfältige Möglichkeiten, die Stadt neu zu denken und sie besser an die veränderten Bedingungen anzupassen. Mit dieser Adaption wird es nach Meinung von Kees Christiaanse gelingen, Städte tatsächlich nachhaltig zu machen. Denn eine verdichtete Stadt mit einer klugen, örtlich konzentrierten Infrastruktur ist wesentlich effizienter als eine ungeplant wuchernde Stadtlandschaft. Anders gesagt: Die Stadt der Zukunft kann sehr wohl lebenswert sein.

Internationaler Forschungscluster

Das Future Cities Laboratory (FCL) der ETH Zürich ist in Singapur angesiedelt. Das FCL arbeitet mit verschiedenen Hochschulen zusammen, die im selben Gebäude einen Standort unterhalten. Dazu gehören die EPFL Lausanne, die Nanyang Technological University (NTU), die National University of Singapore (NUS) und die Singapore University of Technology and Design (SUTD). Ab der dritten Forschungsphase, die 2020 beginnt, wird das FCL einen zweiten Standort an der ETH Zürich aufbauen und unter dem Namen «FCL global» tätig sein.

fcl.ethz.ch

Vorheriger Artikel Zur Übersicht Nächster Artikel

0 Kommentare

Bitte rechnen Sie 3 plus 3.