Für ein sportliches und emotionales Ereignis

Kein anderes Architektur­büro hat in den letzten Jahren so viele Stadien und Sport­stätten in der Schweiz entworfen wie das Team von Scheitlin Syfrig Architekten in Luzern. Die beiden Architekten Mauritius Carlen, Partner und Mitglied der Geschäfts­leitung, und Adalbert Okle, Bereichs­leiter Sport­stätten­bau, erklären die besonderen Herausforderungen.

Was reizt Sie als Architekten, sich auf das Glatteis des Sportstättenbaus zu wagen?

Mauritius Carlen: Wir können als Architekten einen Ort kreieren oder zumindest den Rahmen dafür. Und hinzu kommt auch eine gewisse Leidenschaft für das sportliche Geschehen. Nach vollendetem Werk gibt es schliesslich für den Architekten nichts Schöneres, als im Stadion oder in der Halle zu sitzen und mitzuerleben, welch emotionales Ereignis sich nun in seinem Bauwerk abspielt.

Und was ist der schwierigste Punkt bei dieser Aufgabe?

Adalbert Okle: Der Bau eines Stadions, einer Eis- oder Sporthalle ist komplex. Es gilt, dafür eine einfache und klare Struktur zu finden, die zuletzt auch wirtschaftlich funktioniert. Von Vorteil ist auch eine gewisse Erfahrung im Umgang mit grossen Bauvolumen.

Schwingt bei der Teilnahme an den Projektwettbewerben die Hoffnung mit, sich als Architekt mit dem Bau von Stadien und Sporthallen ein Denkmal zu setzen?

Carlen: Diesen Anspruch haben wir nicht, denn wir arbeiten in einem Team von 45 Leuten – Ruhm und Ehre eines Einzelnen stehen folglich bei uns nicht im Vordergrund. Unser Anspruch als Team ist es, Mehrwert für alle Beteiligten zu generieren. Sowieso spielen bei jedem Projekt viele äussere Einflüsse mit, sodass man sich selbst als Person besser zurücknehmen sollte. Klar ist, dass am Schluss alles stimmen muss, vom Städtebaulichen bis zur Sockelleiste.

Zumindest die Bauherren oder die Standortgemeinde möchten sich mit einem neuen Stadion verewigen. Wie gehen Sie mit dieser Erwartungshaltung um?

Okle: Wir spüren zwar diese Haltung, aber sie deckt sich ja mit unseren eigenen Ansprüchen. Den Druck machen wir uns also selber. In der Tat schwingen aber beim Sportstättenbau die verschiedensten Erwartungen mit und es werden plötzlich Dinge wichtig, an die man als Architekt nicht unbedingt zuerst denkt.

«Am Schluss muss alles stimmen, vom Städtebaulichen bis zur Sockelleiste.»

Adalbert Okle, dipl. Architekt FH (links), und Mauritius Carlen, dipl. Architekt MA ZFH SIA von Scheitlin Syfrig Architekten in Luzern.

Was denn genauer?

Okle: Der Verein oder Club will für sein neues Zuhause die richtige «Einkleidung», und da werden plötzlich die Farben, die Clubfarben natürlich, zu einem wichtigen Thema. Auch der Standort des Fanblocks und dessen Grösse geben Anlass zu Diskussionen. Nicht zuletzt soll der Bau auch all jene Leute überzeugen, die sich persönlich nicht sonderlich für Sport interessieren.

Was macht Sie stolz und zufrieden?

Carlen: Wenn wir spüren, dass es uns gelungen ist, für eine schwierige Aufgabe eine überzeugende Lösung zu finden.

Zum Beispiel?

Carlen: Auf die Eis- und Eventhalle Lonza Arena in Visp VS sind wir tatsächlich ein bisschen stolz. Das Projekt wurde in einem langen Prozess und in intensiver Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern, dem Berner Architekturbüro rollimarchini, dem Totalunternehmen Frutiger und der Gemeinde als Bauherrschaft, geplant und umgesetzt. Viele Rädchen mussten ineinandergreifen, bis die Halle tatsächlich realisiert werden konnte.

Was war in diesem Fall die besondere Herausforderung?

Carlen: Es war schwierig, aus den engen Platzverhältnissen das Optimum herauszuholen und alle Ansprüche in Bezug auf Lenkung der Besucherströme, Mehrfachnutzung, Logistik, Sicherheit, Komfort und Gestaltung zu erfüllen.

«Es ist beim Sportstättenbau genauso wie im Sport: Man muss lernen, auch mal zu verlieren.»

Das heisst dann im Detail?

Okle: Weil die Halle nicht nur für Eishockey, sondern auch für Events, Konzerte und Ausstellungen genutzt wird, müssen auch 40-Tonnen-Sattelschlepper direkt hineinfahren können. Die intensive Nutzung der Fläche in der Mitte während der geplanten Konzerte macht es notwendig, für die Besucherinnen und Besucher entsprechend mehr Fluchtwege zur Verfügung zu stellen. Weil rund um die Halle nur wenig Freifläche zur Verfügung steht, legten wir besonderen Wert auf eine sorgfältige Platzgestaltung und auf Transparenz zwischen innen und aussen. Zu diesem Zweck sind zum Beispiel die Fassaden mit grosszügigen Glasfronten durchsetzt.

Nach der Fussballstadien- und der Eishallenwelle rollt derzeit eine Mehrfachsporthallen- und eine Hallenbadwelle durch die Schweiz. Warum?

Carlen: Viele Mehrfachhallen und Hallenbäder stammen aus den 60er- und 70er-Jahren. Sie sind in die Jahre gekommen und längst sanierungsbedürftig. Ausserdem entsprechen sie nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik und auch nicht länger den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Besucher.

Vorzeigebauten der «Marke» Scheitlin Syfrig Architekten: Ägeribad in Oberägeri, Lonza Arena in Visp und Herti-Areal in Zug mit Hochhaus und Eisstadion.
Vorzeigebauten der «Marke» Scheitlin Syfrig Architekten: Ägeribad in Oberägeri, Lonza Arena in Visp und Herti-Areal in Zug mit Hochhaus und Eisstadion.
Vorzeigebauten der «Marke» Scheitlin Syfrig Architekten: Ägeribad in Oberägeri, Lonza Arena in Visp und Herti-Areal in Zug mit Hochhaus und Eisstadion.
Das Ägeribad: Ästhetisch und modern

Mit dem Ägeribad zeigt Scheitlin Syfrig Architekten, in welche Richtung es gehen könnte – wenn das Kostenkorsett nicht allzu eng ist. War dieses Projekt für Sie eine reine Kür?

Carlen: Jein! Dass die beiden Gemeinden Oberägeri und Unterägeri dafür rund 40 Millionen Franken in die Hand genommen haben, hat zwar unseren gestalterischen Spielraum erweitert. Andererseits gab es aber wie immer viele technische, funktionale und betriebswirtschaftliche Vorgaben, die uns in die Pflicht nahmen.

Wie haben Sie das gelöst?

Carlen: Um einen wirtschaftlichen Betrieb ohne hohe Personalkosten zu ermöglichen, lenken wir die Besucherströme über einen zentralen Zugang zu den einzelnen Trakten. An einer Kasse vorbei können die Bade- und Wellnessgäste weiter ins Freibad, ins Hallenbad und zum Wellnessbereich. Letzterer lässt sich auch bequem mit dem Aufzug erreichen, und er ist grosszügig und komfortabel konzipiert.

Wellness im Hallenbad der Gemeinde – ist das nicht fast schon Luxus?

Okle: Hinter dem Angebot steckt die Idee, ohne allzu grossen technischen Zusatzaufwand eine zusätzliche Kundengruppe zu gewinnen. Das Ägeribad lässt sich damit insgesamt besser auslasten und profitabler bewirtschaften. Ein Hallenbad braucht eine umfangreiche Technik: riesige Tanks, Filteranlagen, Lüftung, Heizung, Wärmeversorgung usw. Rund die Hälfte der Nutzungsfläche benötigt man für die technische Infrastruktur.

Was waren nebst aller Technik beim Ägeribad die gestalterischen Herausforderungen?

Okle: Die Dorfsituation und die Lage am See verpflichteten uns zu einem besonders sorgfältigen Umgang mit dem Volumen und der Materialisierung. Die Fassaden bestehen aus Holzlamellen über eingefärbtem Blech, die mit Licht und Schatten spielen. Wir haben das Hallenbad in drei versetzte Gebäudeteile gegliedert, mit einem Garderoben- und Wellnesstrakt, einem Kindertrakt mit Spiel- und Lernschwimmbecken und mit der eigentlichen Schwimmhalle. Für einen fliessenden Übergang zur Aussenanlage sorgt ein geheiztes Aussenbecken, das auch im Winter zugänglich ist.

Nebst vollendeten Projekten landen auch immer wieder Entwürfe in der Schublade. Wie sehr nervt es, bei einem Wettbewerb «nur» Zweiter oder Vierter zu werden?

Carlen: Es ist beim Sportstättenbau genauso wie im Sport: Man muss lernen, auch mal zu verlieren. Und man muss sich eingestehen, dass man selber nicht immer die beste Idee hat. Doch jedes Projekt, ob es nun realisiert wird oder nicht, bedeutet für uns eine Lernkurve. Unser Know-how können wir in jedem Fall weiterentwickeln. Die Teilnahmen helfen uns, stets am Ball zu bleiben.

Sportstättenbauten von Scheitlin Syfrig Architekten

Realisierte Projekte

Swisslife Arena Luzern, Eiszentrum (2002)
Herti-Areal Zug mit Bossard Arena Zug,
Eisstadion EV Zug (2010), Hochhaus Uptown (2011)
Ägeribad Oberägeri (2018)
Lonza Arena, Eis- und Eventhalle Visp (2019)
Sport und Erholungszentrum Tägi, Wettingen (2020)
Sportanlage Obere Au Chur
Wettbewerb (2017)
Fertigstellung Trainingseishalle (2021)
Rasensportstadion (2025)


Weitere Entwürfe

Stadion-Erneuerung Vaillant-Arena, Davos (2017), Studienauftrag
Ausbildungshalle Magglingen (2017), Wettbewerb 4. Rang
Nationales Schwimmsportzentrum Tenero, Wettbewerb 4. Rang
Schwimmbad Oberdorf Dübendorf, Studienauftrag
Sanierung und Erweiterung Thermalbad Egelsee, Studienauftrag


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