Energielabels: Hilfen für den Durchblick

Gebäude verschlingen beim Bau und Betrieb viele Ressourcen, zudem wirken sie während der gesamten Lebensdauer auf ihre Benützer und die Umwelt ein. Wie verträglich diese Auswirkungen für Mensch und Natur sind, lässt sich mit verschiedenen Labels und Baustandards messen.

Das Bauen ist eine materialhungrige Kunst. Vom Aushub der Baugrube über das Erstellen des Rohbaus bis zum Innenausbau eines Gebäudes verschlingt ein Bauprojekt unzählige Ressourcen. Sand und Kies braucht es für Betondecken und Wände, Aluminium für Fensterrahmen, Kupfer für die Stromleitungen oder verzinktes Blech für die Lüftung. Der Betrieb eines Gebäudes benötigt zudem eine beträchtliche Energiemenge. Wenn ein Bau den Ansprüchen nicht mehr genügt oder eine höhere Ausnützung verlangt wird, fällt er dem Rückbau zum Opfer. Viele seiner Teile sind untrennbar miteinander verbunden und kaum zu rezyklieren, anderes wandert direkt auf den Sondermüll. Die oft mit hohem Energie- und Arbeitsaufwand hergestellten Komponenten sind damit für immer verloren. Seit über zwanzig Jahren können Bauherrschaften diese Ressourcenvernichtung bremsen. Verschiedene Baustandards und Baulabels weisen den Weg zu einem nachhaltigen oder zumindest weniger verschwenderischen Bauen. Das einfachste Schweizer Label ist der Gebäudeenergieausweis der Kantone (GEAK). Wie die bekannten Energieetiketten von Kühlschränken oder Wärmepumpen ist er alphabetisch unterteilt. A entspricht einem sehr energieeffizienten Gebäude, G hingegen einem sehr ineffizienten. Die GEAKEinteilung ermöglicht einen schnellen und intuitiven Zugang zur Energieeffizienz eines Gebäudes. Sie bietet jedoch nur eine grobe Einteilung (siehe Label-Übersicht).

Schweizer Pionier

Differenzierter ist das Minergie-Label, das seit 1998 vermarktet wird. Bauten, die nach Minergie zertifiziert werden, müssen einen relativ aufwendigen und kostenpflichtigen Test durchlaufen. Dieser behagt nicht allen Bauherrschaften, weshalb viele Gebäude zwar nach Minergiestandard gebaut, aber nicht gemäss dem Standard zertifiziert werden. Zum normalen Minergiestandard haben sich im Lauf der Jahre ein Passivhausstandard (Minergie-P) sowie ein Aktivhausstandard (Minergie-A) gesellt. Alle drei Standards können mit dem Zusatz «Eco» kombiniert werden, der verschiedene ökologische Kriterien umfasst (u. a. Schadstoffbelastung und Rückbaubarkeit). Insbesondere die öffentliche Hand realisiert oft anspruchsvolle Minergie-Projekte. In den letzten Jahren haben in der Schweiz auch internationale Standards Fuss gefasst. Diese erweitern den Fokus, der bei GEAK und Minergie sehr stark auf der Betriebsenergie liegt. Seit 1990 existiert das britische BREEAM-Label (Building Research Establishment Environmental Assessment Method). Bei BREEAM und vergleichbaren Labels werden zum Beispiel auch die Auswirkungen bewertet, die ein Bau auf die Umwelt oder auf das soziale Leben hat. Ein US-Pendant ist das LEED-Label (Leadership in Energy & Environmental Design). Es ist stark an US-Standards orientiert, eignet sich innerhalb bestimmter Grenzen jedoch auch für die Bewertung europäischer Immobilien. So wurde etwa der Prime Tower in Zürich gleichzeitig nach Minergie und nach LEED zertifiziert.

Umfassende Betrachtung

Ein weiteres wichtiges Label ist das Deutsche Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Wie BREEAM und LEED verortet es ein Gebäude unter anderem in Bezug auf seine Energie, Ökologie und Ökonomie sowie seine Wirkung auf die Gesellschaft. 2007 lanciert, stützt sich das DGNB-Label vor allem auf die in Deutschland üblichen DIN-Normen ab. Die Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (SGNI) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das DGNB-Label für Schweizer Gebäude nutzbar zu machen. Grundlage bilden hier die Normen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), so etwa die SIA-Norm 490 («Nachhaltigkeit von Bauwerken»). Der jüngste Spross in der wachsenden Familie von Baulabels und -standards ist der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS). Er wurde vom Bundesamt für Energie (BFE) gefördert und ist an die umfangreichen und hochwertigen Instrumente und Standards der Schweizer Baukultur angepasst. So sind etwa die massgeblichen SIANormen von Anfang an berücksichtigt. Der SNBS zählt zu den Baustandards der «zweiten Generation». Wie das DGNB-Label betrachtet er die Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. So werden beispielsweise die graue Energie beim Aushub, aber auch die Auswirkungen der Materialisierung auf Innenraumklima und Luftqualität berücksichtigt. Damit berücksichtigen moderne Standards zwei der drei Lebensphasen eines Gebäudes, nämlich den Bau und den Betrieb. Ob sich die dritte Generation auch an die schwierige dritte Phase wagen wird, also an den Rückbau und die Entsorgung, ist eine spannende Frage.

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