Energetische Gebäude­sanierung – Schritt für Schritt

Um die in der Strategie des Bundes formulierten Energieziele zu erreichen, müssten bis 2050 auch die meisten bestehenden Bauten der Schweiz energetisch nachgerüstet werden. Ob und wie sich das realisieren lässt, bleibt allerdings fraglich, solange bei Sanierungsprojekten nicht wirklich konsequent gehandelt wird.

Aktuell wird jährlich erst ein Prozent der Gebäude in der Schweiz energetisch saniert. Dieser Anteil müsste sich, um das für 2050 vorgegebene Ziel zu erreichen, in den kommenden Jahren mindestens verdoppeln bis verdreifachen. Wie bei den Neubauten gilt auch für Sanierungen: Die notwendigen Technologien sind alle vorhanden. Selbst der strenge Minergie-A-Standard ist durchaus realisierbar, wie ein 1971 erbautes, vor zwei Jahren modernisiertes Mehrfamilienhaus in Zürich Stettbach beweist. Es wurde von Heizöl auf Erdwärme und Sonnenergie umgerüstet und gewann dafür den Solarpreis Schweiz 2017. Auch denkmalgeschützte Reihen-Einfamilienhäuser lassen sich heute nachhaltig sanieren, so etwa das Gebäude Göblistrasse 29 b in Zug, das nun mit Solaranlage und einer neuen Wärmedämmung ausgestattet ist. Laut einer Studie der Umwelt- und Energieberatungsfirma econcept im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE) passiert in Sachen energetische Sanierung allerdings noch viel zu wenig. Die radikalste Variante «Neubau nach Abriss» ist, auch wenn sie in den letzten Jahren häufiger gewählt wird, immer noch selten. «Ein Ersatzneubau ist vor allem dann interessant, wenn der Altbau strukturell nicht mehr attraktiv ist und wenn es auf dem Grundstück Ausnutzungsreserven gibt, die mit einer Erweiterung nicht aktiviert werden können», sagt Meta Lehmann von econcept. Wirtschaftliche Überlegungen stehen also auch bei der Gebäudesanierung an erster Stelle.

Sanieren in gut geplanten Etappen

Die beliebteste Praxis ist es, alle paar Jahre etwas zu tun. Mehr als vier Fünftel aller Gebäude werden über etliche Jahre verteilt in mehreren Schritten saniert. Das hat punkto Nachhaltigkeit zwar gewisse Vorteile, denn Teilsanierungen verzehren weniger graue Energie. Ersetzt wird dann meist nur das, was wirklich am Ende des Lebenszyklus steht. Zudem kann so stets auf die neuste Lösung zugegriffen werden, die meistens auch energieeffizienter ist als ein älteres Modell. Ausserdem sind Teilsanierungen zumindest für den Moment wirtschaftlicher und allenfalls sozialverträglicher für die Mieterschaft. Leider erfolgen aber vier Fünftel der Teilsanierungen ohne Gesamtkonzept. «Was zählt, ist einzig die nächste Massnahme, ohne längerfristige Planung, was aber für ein nachhaltiges Bauen unerlässlich wäre», erklärt Meta Lehmann. Die Erfahrungen zeigen: Wenn die einzelnen Massnahmen nicht aufeinander abgestimmt sind, muss bei den nächsten Schritten allenfalls nachkorrigiert werden, was teuer werden kann. Wichtig ist es, die richtige Reihenfolge der Teilschritte zusammen mit einem Energiespezialisten über 10 bis 20 Jahre festzulegen. Finanziell am günstigsten ist folgendes Vorgehen: zuerst die Kellerdecke dämmen, ein paar Jahre später eine Photovoltaikanlage installieren, dann die Fassaden dämmen und schliesslich eine Erdsonden-Wärmeheizung realisieren. Damit sind auch die vier wichtigsten energetischen Verbesserungsmöglichkeiten aufgelistet. Im Detail erfordert die energetische Sanierung des Gebäudebestandes, etwa damit bei einem Altbau der ursprüngliche Charme nicht einfach wegrenoviert wird, von den Beteiligten viel Fingerspitzengefühl. Zudem sind alte Gebäude nicht per se energetisch schlecht. Viele Häuser aus der Zeit um 1900 zeichnen sich bis heute durch ihre hohe Bauqualität und gute energetische Werte aus.

Fossiles Heizen – Hebel und Knackpunkt

Der weitaus grösste Hebel, um bestehende Gebäude energetisch auf Vordermann zu bringen, liegt beim Heizen. Doch gerade in diesem Bereich wird mit Blick auf die Erreichung der SIA-Effizienzziele weiterhin Entscheidendes verpasst. Zwei Drittel der Eigentümer von Mehrfamilienhäusern setzen bei einem Ersatz von fossilen Heizungen erneut auf fossile Systeme, bei Einfamilienhäusern sind es weiterhin mehr als die Hälfte. In der Stadt Zürich mit ihrem dichten Gasnetz bleiben gar 84 Prozent der Grundeigentümer dem Heizöl oder Erdgas treu. Dies hat eine ebenfalls von econcept erstellte Studie ergeben. «Der Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger ist bei Heizungsersatz in Zürich immer noch die Ausnahme», so Projektleiterin Meta Lehmann. Was sind die Hemmfaktoren? Wie die ausgewerteten Antworten von 500 Hauseigentümern ergeben haben, scheuen viele die Investitionskosten. Tatsächlich erfordert ein Systemwechsel allenfalls einen gewissen Anpassungsaufwand und verursacht damit zusätzliche Kosten, die aber im Laufe der Zeit durch die günstigeren Unterhalts- und Betriebskosten mehr als wettgemacht werden. Offensichtlich werden aber die Betriebskosten unterschätzt oder gar nicht gerechnet. Zudem führen falsche Annahmen dazu, dass der geplante Effizienzgewinn häufig nicht wirklich erreicht wird. Forscher der Universität Genf haben dies an 26 Bauten aus den 1960er-Jahren mit über 3000 Wohnungen untersucht, die in den letzten Jahren energetisch saniert wurden. Im besten Fall wurde das angestrebte Energiesparpotenzial zu 65 Prozent verwirklicht, im schlechtesten Fall bloss zu 29 Prozent. Einer der Gründe für das enttäuschende Ergebnis: Die Bewohner heizen ihre Zimmer auf 23 °C und nicht auf die von der SIA fälschlicherweise bei der Berechnung angenommenen 20 °C.

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