Erlenmatt Ost – ein Experiment, das zu gelingen scheint

Das neue Stadtquartier Erlenmatt Ost in Basel könnte in der Stadtentwicklung Schule machen. Sozial, verkehrs- und energietechnisch nachhaltig, mit vielfältigen, teils experimentellen Wohnformen, selbstverwaltet, verdichtet und mit viel Grünraum zeigt die Stiftung Habitat, wie die Städte morgen aussehen könnten.

Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs der Deutschen Bahn in Basel entsteht das neue Stadtquartier Erlenmatt. Verbunden durch einen grosszügig konzipierten Park in der Mitte wurden auf der West- wie auf der Ostseite des 19 Hektaren grossen Areals zwei eigenständige Wohnquartiere entwickelt. Das Areal Erlenmatt Ost hat die Stiftung Habitat erworben, die sich für eine wohnliche Stadt und bezahlbare Mieten einsetzt. Einen Teil ihrer 13 Baufelder hat die Stiftung an Wohnbaugenossenschaften und andere gemeinnützige Bauträger im Baurecht abgegeben.
Das industrielle Erbe des einstigen Güterbahnhofs ist in Form eines umgenutzten alten Silogebäudes noch sichtbar. Bis 2019 ist ein interessanter Mix aus Wohnungen, Gewerberäumen, Studentenzimmern, betreutem Wohnen, einem Hostel und Wohnateliers für Künstler entstanden. Die 200 Wohnungen bieten Raum für rund 500 Menschen. Ab 2023 soll eine zweite Etappe folgen. Neben sozialen Aspekten gewichtet das Entwicklungskonzept auch die Nachhaltigkeit hoch. Im Quartier besteht eine der grössten Solarstrom-Eigenverbrauchsgemeinschaften der Schweiz. Im Endausbau wird Erlenmatt Ost bis zu 70 Prozent mit Strom und Wärme versorgt, die direkt vor Ort produziert wurden. Dafür wurde das Projekt mit dem Prix Watt d'Or 2019 des Bundes ausgezeichnet. Zudem können die Bewohner des autofreien Quartiers Elektroautos mieten, deren Batterie auch als Zwischenspeicher für die Haushalte genutzt wird.

Erlenmatt Ost in Basel.
Laubengänge mit Aufenthaltsqualität und Blick ins Grüne bieten viel Lebensqualität.
Kurze Wege verbinden Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Schule im modernen Stadtquartier.

Mit acht anderen im selben Boot

Barbara und Peter Schrade


Barbara und Peter Schrade wohnen zusammen mit acht weiteren Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft. Und das weder aus einer Not heraus noch vorübergehend, wie das etwa Studierende tun, sondern freiwillig. Um den Pendelweg nach Basel zu verkürzen, wo Peter Schrade seit einiger Zeit arbeitet, suchten die beiden eine Wohnung in der Stadt. Dabei nahmen sie zuerst eine Dreizimmerwohnung im Neubauprojekt der Wohnbaugenossenschaft Zimmerfrei im Quartier Erlenmatt Ost ins Visier. Als dann während der Planungsphase die Idee einer WG aufkam, stiegen sie mit ins Boot. «Wir haben vier Kinder grossgezogen. Die Vorstellung, dass eines Tages nur noch der Nachrichtensprecher aus dem Fernsehgerät zu uns sprechen könnte, hat uns nicht gefallen», erläutert Peter Schrade ihre Motivation. Zudem habe ihn die Aussicht gefreut, einen Kuchen backen zu können, der bald aufgegessen werde.
Einsamkeit ist nun tatsächlich kein Thema mehr. «Das Zusammenleben erweitert meinen Horizont. Unsere Mitbewohner gewähren mir Einblick in Architektur, Kunst, Literatur oder in ihre Lebenswelt als Lokomotivführer», stellt Barbara Schrade fest. Statt eines Einfamilienhauses mit Garten bewohnt das Paar nun zwei Zimmer, die samt Nasszelle 34 Quadratmeter umfassen. Hinzu kommt der Gemeinschaftsbereich, der aus einer Küche, einem grossen Essbereich und einem Wohnraum besteht.
Das Leben hat sich gut eingependelt. Die Möglichkeit zur Begegnung wird genutzt, gleichzeitig wird aber auch das individuelle Ruhebedürfnis respektiert. Unter der Woche wird es meist um halb zehn Uhr abends ruhig. Intensiv diskutiert wird jeweils am Sonntagabend an der gemeinsamen Sitzung. «Wir mussten anfänglich Regeln entwickeln, Grenzen abstecken, Entscheidfindungsprozesse definieren – kurz gesagt, das Rad neu erfinden», blickt Peter Schrade zurück. Auch einen Ämtliplan kennt die Wohngemeinschaft. Jeder hat einen Job gefasst, der ihm liegt. Peter Schrade erledigt mit einer zweiten Person die Einkäufe. Sie bezahlen Lebensmittel, Reinigungsmittel und weitere Dinge des täglichen Bedarfs aus der Gemeinschaftskasse. Alles ausser Fleisch und Alkohol, grundsätzlich lokal und bio. Damit wird auf Nichttrinker, Veganer und Flexitarier Rücksicht genommen. Wer ein Stück Fleisch oder ein Glas Wein wünscht, besorgt sich dies selber.
Dem Paar gefällt die neue Lebenssituation, ohne diese zu romantisieren. Wie in jedem Zusammenleben komme es auch in ihrer Wohngemeinschaft ab und an zu Spannungen. «Pragmatismus und Konsensbereitschaft sind Voraussetzung, wenn es funktionieren soll. Man muss einander leben lassen und eine innere Grosszügigkeit entwickeln», rät Peter Schrade gelassen. Angst zu scheitern hatten Schrades übrigens nie. «Als wir mit den anderen das Projekt entwickelten, fühlten wir uns als Avantgarde. Und Pioniere glauben grundsätzlich an den Erfolg.»

«Die Vorstellung, dass eines Tages nur noch der Nachrichtensprecher aus dem Fernsehgerät zu uns sprechen könnte, hat uns nicht gefallen.»

Mit fast 60 in die WG: Barbara und Peter Schrade nutzen den experimentellen Spielraum des Quartiers Erlenmatt Ost.

Wir fühlen uns füreinander verantwortlich

Raphael Anklin


Kurze Wege prägen das Leben von Raphael Anklin, seit er im Quartier Erlenmatt Ost wohnt. Mit seiner Frau und ihren beiden Kindern bewohnt er seit zwei Jahren eine Genossenschaftswohnung. In einem Gewerberaum des Nachbarhauses betreibt der ausgebildete MechatronikIngenieur seit Kurzem sein eigenes Velogeschäft. «Am Morgen bringt mich mein Sohn auf seinem Weg zum Kindergarten zur Arbeit und am Mittag holt er mich wieder ab», schmunzelt der Familienvater. Auch sein Feierabendbier geniesst er einen Steinwurf entfernt in der Quartierbeiz, die von einer sozialen Einrichtung für Menschen mit psychischen Einschränkungen betrieben wird. Und in seiner Freizeit trifft er sich mit Nachbarn zum Schwatz auf der einladenden Dachterrasse, zum gemeinsamen Kochen im Gemeinschaftsraum oder zum intensiven Tischtennisplausch. Selbst den Einkauf können Anklins zu Fuss im Einkaufszentrum am Rand des Quartiers erledigen.
«So zu leben bedeutet für mich Lebensqualität», betont das überzeugte Genossenschaftsmitglied. Manchmal benötige er aber doch auch einen Tapetenwechsel und besuche dann mit den Kindern bewusst ein Freibad in einem anderen Teil der Stadt. Im Nahverkehr bewegt sich der Velomechaniker logischerweise mit dem Zweirad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wie auch seine Nachbarn. Für die 100 Bewohnerinnen und Bewohner seines Hauses stehen denn auch nur vier Parkplätze zur Verfügung. Wer doch einmal einen motorisierten Untersatz benötigt, nutzt eines der zahlreichen Carsharing-Angebote in der Umgebung. «So kommen wir fast überall hin. Nur in den Ferien wäre ein eigenes Auto manchmal schon praktisch», findet er.
Zwar fehlt der Autoverkehr fast ganz im Erlenmatt-Quartier. Ganz ruhig ist es aber dennoch nicht. Eine beliebte Radwegverbindung führt praktischerweise vor dem Geschäft vorbei und zahlreiche Kinder und Jugendliche nutzen die ausgedehnten Freiflächenzwischen den Häusern zum Herumtollen oder auch zum Nichtstun. Viele kennt Raphael Anklin persönlich und er spricht sie dann und wann auch an, wenn sie ihren Abfall liegen lassen oder sich zu Rangeleien hinreissen lassen. «Andere Nachbarn machen das auch. Wir verstehen uns als Gemeinschaft und die Leute hier fühlen sich füreinander verantwortlich», gibt er zu verstehen. Und auch die Jugendlichen nähmen das nicht übel. Einige von ihnen stammten aus überforderten Familien und seien dankbar, wenn man ihnen Leitplanken aufzeige. Dass sich im Viertel vielerlei Menschen unterschiedlicher Herkunft niedergelassen hätten, störe ihn nicht. Im Gegenteil. «Die soziale Durchmischung ist sogar gut. Ich würde es wohl nicht ertragen, wenn alle so wären wie ich», lacht Raphael Anklin.

«Am Morgen bringt mich mein Sohn auf seinem Weg zum Kindergarten zur Arbeit und am Mittag holt er mich wieder ab.»

Minimalistisch wohnen mit maximalen Freiheiten

Luisanna Gonzalez Quattrini mit ihren Töchtern


Wie kann man Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinen, und dies zu einem möglichst günstigen Preis? Mit dieser Frage trat eine Wohnbaugenossenschaft von Künstlern an den renommierten Basler Architekten Heinrich Degelo heran. Dieser drehte den Spiess um: Was braucht man zum Wohnen unbedingt? Wenig. Jeder Mieter einer Atelierwohnung erhält einen Sanitärblock aus Dusche, Toilette und Lavabo sowie eine Küchenzeile. Beides kann frei im Raum platziert werden. Der ganze übrige Raum ist frei gestalt- und unterteilbar. Sogar auf eine Heizung wurde dank der besonders dichten Gebäudehülle verzichtet. Mit ihrer Idee der Wohnateliers stiess die Genossenschaft bei der Stiftung Habitat auf offene Ohren. Dieses eigenwillige Wohnkonzept gefällt Luisanna Gonzalez Quattrini, die mit ihren beiden Töchtern ein Atelierloft bezogen hat. «Dass ich meine Wohnung zum Arbeiten nicht mehr verlassen muss, erleichtert mein Leben sehr», stellt die Kunstmalerin fest. Sich und ihren Töchtern hat sie jeweils ein Holzelement konstruieren lassen, das Kleider und persönliche Gegenstände aufnimmt. Über eine Treppe erreicht man das Bett, das auf diesem begehbaren Schrank thront. «Hätte ich Zimmer eingebaut, wäre viel Licht verloren gegangen», begründet Luisanna Gonzalez Quattrini den Verzicht auf Trennwände. Um den Mädchen dennoch etwas Privatsphäre zu ermöglichen, können diese einen bodenlangen Vorhang rund um das «Wohnzimmer» zuziehen.
«Wie man seine Atelierwohnung gestaltet, hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab, aber natürlich auch von den zur Verfügung stehenden Mitteln», erklärt Nachbarin und Freundin Louisa Margaretha Keel. Ihr Partner schreibe und sie verfolge neben ihrem Studium der Philosophie und Kunstgeschichte Theaterprojekte. Daher sei ihre Wohnung etwa voll von Büchern, führt sie aus.
Über die Freiheit in den eigenen vier Wänden hinaus fasziniert die junge Frau aber auch der Austausch, den das nur von Kulturschaffenden bewohnte Haus bietet. Die Kommunikation werde auch durch die durchgehenden Balkone gefördert, die die Wohnungen miteinander verbinden, wo man sich zwanglos begegne und sich im Sommer auch mal zu einem Glas Wein zusammensetze. Das bestätigt auch Luisanna Gonzalez Quattrini. «Ich empfinde es als grosse Chance, hier ganz selbstverständlich anderen Künstlern zu begegnen, Beziehungen aufbauen und pflegen zu können», freut sie sich.
Wenn sich die Mitglieder der Coopérative d'ateliers, wie sich die Genossenschaft nennt, einmal monatlich treffen, ist das aber keineswegs eine schöngeistige Nabelschau. Vielmehr geht es dann darum, das Zusammenleben zu organisieren, und es stehen so prosaische Themen zur Diskussion wie das hausinterne Abfallmanagement oder die Programmierung der elektrischen Eingangstür. Doch auch darin liegt ein gewisser Reiz. «In einem selbstverwalteten Haus zu leben, ist mit einem Statement verbunden.
Du übernimmst Verantwortung und kriegst dafür Freiheiten», finden die beiden Kulturschaffenden.

«Dass ich meine Wohnung zum Arbeiten nicht mehr verlassen muss, erleichtert mein Leben sehr.»

Viel Raum zum Wohnen, Arbeiten und Kommunizieren für Luisanna Gonzalez Quattrini.
Louisa Margaretha Keel.
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