«Die Stadtentwicklung verläuft viral»

Im Gespräch mit Kees Christiaanse, emeritierter Professor ETH für Architektur und Städtebau, früherer Programmleiter des «Future Cities Laboratory» Singapur und Partner bei KCAP Architects & Planners.

Next floor: Sie haben sich am FCL intensiv mit der Entwicklung von Megastädten beschäftigt und sind mit Ihrer Firma weiterhin in diesem Gebiet tätig. Wie nachhaltig ist eigentlich die Stadt der Zukunft?

Kees Christiaanse: Es sieht gar nicht schlecht aus. Wenn wir Gebäudetechnologie und Infrastruktur weiterhin verbessern, wird die Stadt der Zukunft zunehmend energieneutral und weist weniger Emissionen auf. Die Ressourcenbilanz und die Luftqualität steigen also, und unterm Strich ist eine Grossstadt dann eigentlich ein sehr nachhaltiges Gebilde. Das hat man diesen Sommer in Singapur gesehen: Über Wochen gab es heftigen Smog, die Schulkinder durften nicht draussen spielen. Die Quelle der Luftverschmutzung war aber nicht die Stadt, sondern es waren Brandrodungen auf Sumatra.

Nachhaltigkeit wird intensiv diskutiert, ist aber nicht einfach umzusetzen. Welche Rolle spielt die Stadt, und welche Rolle spielen ihre Bewohnerinnen und Bewohner?

Es hängt enorm viel davon ab, wie wir uns verhalten. Wir entscheiden uns ja für eine bestimmte Option und gegen eine andere Option. Ich kann in den Ferien auf die Malediven fliegen – oder mit dem Zug nach Graubünden fahren. Ich kann im Internet normal surfen – oder Videos streamen, was sehr viel Strom verbraucht. Ein nachhaltiges Leben gibt es nur, wenn wir uns auch nachhaltig verhalten. Ich würde sagen, dass über 90 Prozent der Klima- und Nachhaltigkeitsziele direkt von unserem Verhalten abhängen. Die Technologie kann nur 10 Prozent beeinflussen.

«Neue Technologien entwickeln sich ja nicht ‹top-down›, von oben nach unten, sondern viel eher ‹bottom-up›, also von unten nach oben.»

Kees Christiaanse, emeritierter Professor ETH für Architektur und Städtebau, früherer Programmleiter des «Future Cities Laboratory» Singapur und Partner bei KCAP Architects & Planners.

Viele Megastädte werden von ähnlichen Problemen geplagt, etwa Luftverschmutzung oder Stau. Nun soll die «Smart City» vieles richten. Funktioniert dieser Zugang für alle Städte?

Es gibt Lösungen, die überall funktionieren und sich erst noch von selbst verbreiten. Das haben wir beim GSM-Netzwerk gesehen. Es wurde nie als weltweiter Standard definiert, sondern hat sich von selber verbreitet, gewissermassen viral. Und heute kommt man in keiner Stadt mehr darum herum. Ähnliches beobachten wir bei der Mobilität. In sehr vielen Städten entstehen gleichzeitig Angebote für Carsharing, elektrische Fahrräder und Scooter oder Ladepunkte. Diese Entwicklungen werden nicht von den Behörden gesteuert, sondern von privaten Unternehmen angestossen. Wenn ein System funktioniert, wird es meist bewilligt und danach sehr schnell von anderen Städten übernommen. Das ist genau dieser virale Effekt.

Ein aktueller Forschungsschwerpunkt am FCL ist die «Responsive City». Eine Stadt also, die durch digitale Rückmeldungen ihrer Bevölkerung fortwährend evaluiert und verbessert wird. Wie nahe ist diese Vision?

Das ist schwer zu sagen. Die technischen Möglichkeiten für solche Systeme wären eigentlich heute schon vorhanden, aber sie werden nicht unbedingt in diesem Sinn genutzt. Neue Technologien entwickeln sich ja nicht «top-down», von oben nach unten, sondern viel eher «bottom-up», also von unten nach oben. Das heutige Internet ist auch so entstanden. Wenn hingegen Regierungen versuchen, komplett kontrollierte Systeme zu bauen, scheitert das Projekt. Da kippt es sehr schnell in Richtung Überwachung und Verfolgung. Oder anders gesagt: Jede technische Erfindung hat auch Schattenseiten.

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