Die neue Welt des Spitzensports

Im OYM in Cham hat EVZ-Präsident HP Strebel seine Vision eines Kompetenz­zentrums für den Spitzen­sport realisiert. Beim Rund­gang mit Erich Thoma, COO von Schindler Schweiz, erklärt er, wozu es zum Mittag­essen unbedingt eine Smart­watch braucht, wo das OYM Schule macht und weshalb hier nur zählt, was messbar ist.

State of the Art: Impressionen vom OYM

«Das hier gibt es auf der ganzen Welt nirgends», sagt HP Strebel und nippt an seinem Espresso. Er sagt es nicht, weil er dafür Beifall ernten möchte. Er sagt es aus purer Begeisterung für ein Projekt, in das er – «als Geschenk an die Gesellschaft» – über 100 Millionen Franken aus der eigenen Tasche investiert hat. Und sein ganzes Herzblut dazu.
«On Your Marks» heisst es, kurz: OYM, was so viel bedeutet wie «auf die Plätze» – ein guter Name, denn das OYM im zugerischen Cham ist so etwas wie der Aufbruch in ein neues Zeitalter des Spitzensports. Das Interesse daran ist weltweit riesig. 10'000 Besucherinnen und Besucher haben sich allein für die beiden Tage der offenen Tür Ende März angemeldet. In 6-Minuten-Slots wären sie durch den Hightech-Sporttempel geschleust worden. Wären. Dann kam Corona.

Die Galerie als Sprintstrecke: HP Strebel (links) erklärt Erich Thoma die technischen Finessen der 80-Meter-Bahn.

Auf einen Schlag Schluss

«Das war der grösste Frust überhaupt», sagt HP, der nicht mit Herr Strebel angesprochen werden will, weil man sich in Sportlerkreisen nun mal duzt. «Wir haben monatelang darauf hingearbeitet, und dann war auf einen Schlag Schluss.» Doch nun kommt das OYM allmählich in Fahrt. Bei unserem Besuch Mitte Juni haben bereits über 100 Sportlerinnen und Sportler das Training aufgenommen, nahezu 60 Angestellte vom Physiotherapeuten bis zur Ernährungswissenschaftlerin kümmern sich um sie. Unter strengsten Vorsichtsmassnahmen natürlich. Und die gelten ganz besonders für die seltenen Besucher. Also: Hände desinfizieren, Fieber messen, Maske auf, und los geht’s …
HP Strebel hat Erich Thoma, COO von Schindler Schweiz, zum Rundgang durch seine Welt des Spitzensports eingeladen. Das hat gute Gründe: Schindler hat im OYM nicht nur sieben Aufzüge geliefert, der sportbegeisterte Thoma ist auch ein alter Bekannter. «Wie bist du eigentlich auf die Idee zum OYM gekommen, HP?», fragt Erich Thoma im Aufstehen. Es ist eine lange Geschichte, aber HP erzählt sie immer wieder gern.

Die Red Bull Akademie als Vorbild

Um für seinen EVZ, vor allem die Zuger Hockey-Junioren, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, plant HP Strebel ein Trainingszentrum. Als Inspiration dient ihm die Red Bull Akademie für Fussballer und Eishockeyspieler in Salzburg. Strebel, der promovierte Pharmazeut, schart als Erstes Wissenschaftler um sich. Was, fragt er diese, würdet ihr machen, wenn ihr auf der grünen Wiese etwas wirklich Innovatives aufbauen könntet?
Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass ein wissenschaftsgetriebenes Leistungszentrum für Hockeyspieler genauso bei allen anderen Spitzensportlern zum Erfolg führt, völlig unabhängig von der Disziplin. Denn es geht vor allem um Athletiktraining, Health-Management, Ernährung sowie Forschung und Entwicklung – die vier Kernkompetenzen, auf denen das OYM heute konsequent aufbaut.
Als die Ideen konkreter werden, holt HP den Sportwissenschaftler Marco Toigo ins Boot. Anfang 2017 ist die Idee zum OYM geboren, und die beiden entwickeln zusammen mit einem stetig wachsenden Team ein Projekt, das weit über das hinausgeht, was ursprünglich geplant war: Das OYM soll nichts weniger sein als das modernste Spitzensportzentrum der Welt. Hier sollen bis zu 250 Athletinnen und Athleten – von der Skirennfahrerin über den Leichtathleten bis zur Handballerin – mithilfe der Wissenschaft systematisch an ihre maximale Leistung herangeführt werden. Und das beginnt schon beim Essen, das hier einen eigenen Namen hat: OYM Nutrition.

Pure Begeisterung: HP Strebel hat über 100 Millionen Franken ins OYM investiert – als «Geschenk an die Gesellschaft».

So geht Wissenschaft

«Ihr müsst euch das so vorstellen», sagt HP und bleibt am kalten Buffet des hauseigenen Restaurants vor einer Waage stehen. «Unsere Sportler tragen schon bald eine Smartwatch, über die unser System auf ihre persönlichen Ernährungsdaten Zugriff hat. Wenn sie ihr Essen wägen, sagt ihnen das System, ob sie das Richtige, genug oder zu wenig genommen haben.» Das hat nichts mit Big Brother zu tun. So geht Wissenschaft.
Was beim einen oder andern anfänglich für Nasenrümpfen gesorgt hat, ist heute ausnahmslos hochwillkommen: eine rundum gesunde Ernährung, konsequent bio und individuell auf den eigenen Körper abgestimmt. «Und?», fragt Erich Thoma, «isst du mittlerweile selber auch so?» – «Wenn immer möglich», sagt HP Strebel, der sich während des Lockdowns das Mittagessen ins Büro nach Luzern liefern liess. Ganz zur Freude seines Teams, das noch heute davon schwärmt.
Dass Ernährungswissenschaftler den Menüplan bestimmen, ist im OYM nur konsequent. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. «Das haben wir immer schon so gemacht», gibt’s nicht. «Entweder hat etwas einen wissenschaftlichen Background», sagt HP, während er Richtung Auditorium steuert, «oder wir lassen es bleiben.»

«Das haben wir immer schon so gemacht», gibt’s nicht. «Entweder hat etwas einen wissenschaftlichen Background oder wir lassen es bleiben.»

Wissenstransfer fördern

Das Auditorium ist der einzige Bereich, der auch für die Öffentlichkeit gedacht ist: 172 Sitzplätze, Übersetzerkabinen, «Wahnsinnsbeamer» (O-Ton HP), Top-Akustik, alles, was es für eine Veranstaltung braucht. Wenn es die Umstände erlauben, können Gäste auch das Restaurant benützen. Alkohol gibt es dort allerdings keinen. Das OYM ist nicht nur rauch-, sondern auch promillefreie Zone.
Dass im Auditorium auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden, ist HP Strebel, der selber ein grosser Jazz- und Theaterfan ist, ein grosses Anliegen. Im schwebt dabei «ein Wissenstransfer zwischen Sport und Kultur» vor. Inspiriert dazu hat ihn ein befreundeter Cellist, der acht Stunden täglich übte, um an die Spitze zu gelangen, und heute acht Stunden pro Tag übt, um dort zu bleiben. «So zeigen wir unseren Sportlern, dass sie nicht die einzigen sind, die hart trainieren müssen.»

Die Welt des EVZ

Wie ein solches Training aussehen könnte, demonstriert die erste Mannschaft des EVZ gerade in der Eishalle. Auch diese ist einzigartig in der Konstruktion: In nur drei Stunden können die Banden dank eines Hydrauliksystems ohne viel Manpower so verschoben werden, dass aus dem europäischen ein amerikanisches Spielfeld entsteht.
«Und wozu das?», fragt Erich Thoma. «Weil es das Spiel schneller macht und deshalb eine spannende Trainingsmöglichkeit bietet für unsere erste Mannschaft», erklärt HP. «Ausserdem trainiert hier die U18-Nationalmannschaft, die ihre WM immer in den USA austrägt.»
Dass der EVZ im OYM geradezu paradiesische Trainingsbedingungen vorfindet, verdankt er seinem Präsidenten, der seinem Club nebst der ganzjährig bespielbaren Eishalle auch noch ein Schlittschuhlaufband bis 30 km/h und eine Schussanlage einrichtete. Auch da werden eifrig Daten gesammelt: Reaktionszeit des Spielers, Geschwindigkeit des Pucks, Genauigkeit des Schusses. Wer hier trainiert, weiss genau, was er richtig oder falsch macht.

Zeitlose Architektur, zukunftsweisende Technologie: LED-Bänder markieren die Felder in der Sporthalle. Der Boden ist aus Glas.

Ein digitaler Zwilling für jeden

Doch damit endet auch schon die Welt des EVZ. Der Rest gehört den Spitzensportlern aller Disziplinen. So beispielsweise die Dreifachturnhalle, deren Glasboden Schürfungen verhindern soll und deren Markierungen über LED-Bänder ein- und ausgeblendet werden. Handballfeld gefällig? Zack. Fussball? Volleyball? Basketball? Zack. Zack. Zack. Mindestens sechsmal mehr als ein üblicher Belag kostet der Hightech-Boden, 1,2 Millionen Franken. Dafür soll er mindestens 70 Jahre halten. Das ist eine Ansage.Oder der Athletikbereich auf 3000 Quadratmetern. 300 Geräte stehen in Reih und Glied, Farben weisen auf ihren Wirkungsbereich hin. Hier trainieren Sportler aus allen möglichen Disziplinen nebeneinander. Hier können sie sich austauschen. «Dieser Austausch ist bestimmt motivierend», sagt Erich Thoma. Genau das sei die Absicht dahinter, erklärt HP Strebel. «Denn im OYM trainieren lauter Individuen, nicht Mannschaften.»
Die Physioboxen liegen gleich daneben. Das ist praktisch, falls es mal irgendwo zieht und klemmt. Vier 80-Meter-Bahnen machen derweil die Galerie zur Sprintstrecke. Kameras zeichnen auf, was für die Entwicklung relevant sein könnte: Beschleunigung, Geschwindigkeit, Bewegungsablauf. Im Raum herrschen konstant 20 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent. «Nur so können wir Daten gewinnen, die sich auch vergleichen lassen», erklärt Strebel. Und diese Daten fliessen dann in Echtzeit ins Training ein und füttern den digitalen Zwilling, der von jedem Sportler beim Eintritt erstellt wird. Sämtliche Daten, so das Credo des OYM, sind aber unter der Kontrolle der Athleten. Sie allein bestimmen, wem sie zur Verfügung gestellt werden. Möchte jemand seinen «digital twin» löschen, wird er auch gelöscht.
«Bestimmt?», fragt Erich Thoma mit einem Augenzwinkern. «Ganz sicher», antwortet HP. «Der Schutz unserer Athleten hat bei uns höchste Priorität.» Das gelte sogar im Restaurant, das nur deshalb nicht fürs Publikum geöffnet sei, weil das zu einem Selfie-Tourismus geführt hätte. «Stell dir vor, was da abgehen würde, wenn die Crème de la Crème des Schweizer Spitzensports beim Mittagessen sitzt …»

Sport macht Schule

Im OYM wird allerdings nicht nur trainiert: Im OYM College wird auch gelernt. Nur organisiert sich die Schule hier um den Sport und nicht umgekehrt. Dabei lernen die jungen Sportlerinnen und Sportler individuell. Stehen sie irgendwo an, helfen festangestellte Lehrkräfte weiter. Angeboten werden zurzeit die Matura und eine KV-Ausbildung. Weitere Berufe sind geplant. Als Partner mit viel Erfahrung konnte die Sportschule Engelberg gewonnen werden.
Momentan logieren die Absolventen, die bisher ausschliesslich aus den Reihen des EVZ kamen, noch bei Gastfamilien. Doch auch hier hat HP Strebel bereits Pläne. In einer Grossüberbauung, die in den nächsten Jahren in direkter Nachbarschaft zum OYM entstehen soll, möchte er ein Internat mit 100 Betten, WG-Wohnungen und Büros unterbringen. Wetten, dass er auch das schafft?

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