Die Lehren der Pandemie: Vier Visionen

COVID-19 hat in den letzten fünfzehn Monaten unseren Alltag und unser Leben komplett verändert. Welche Lehren lassen sich aus den Erfahrungen im Umgang mit der Pandemie für ein gesundes Bauen, Arbeiten und Wohnen in Zukunft ziehen? next floor hat vier Expertinnen und Experten gebeten, ihre Vorstellungen einer Welt nach Corona im Gespräch zu skizzieren.

JOËLLE ZIMMERLI

Soziologin, Zürich

Covid-19 hat Fragen zum Management des öffentlichen Raums verstärkt: Lassen es die Behörden zu, dass öffentlicher Raum auch unkontrolliert angeeignet werden kann? Wie gehen sie mit Lärmkonflikten um? Wem erteilen sie Bewilligungen für Angebote und Veranstaltungen? Covid-19 hat deutlich gemacht, wie wichtig Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum ist. Diese Frage steht wieder im Zusammenhang mit dem Stadtklima: Weg von den einfach unterhaltbaren Asphaltflächen, hin zu entsiegelten Freiräumen mit hoher Aufenthaltsqualität und zu mehr begrünten öffentlichen Räumen.
Die Pandemie 2019 hat ausserdem Diskussionen zu Wohnungsgrundrissen verstärkt. Das Homeoffice hat die Schwächen der offenen Grundrisse aufgedeckt. Mehr abgetrennte Zimmer ermöglichen es, dass auch in einer kleinen Wohnung grössere Haushalte wohnen und arbeiten können. Damit sich mehrere Personen nicht gegenseitig stören, braucht es abschliessbare Küchen und Wohnzimmer. Das heisst nicht, dass es künftig nur noch diese Typologie geben wird. Die Bedürfnisse bleiben vielfältig, aber die Möglichkeit zur Abtrennung von Räumen zugunsten von mehr Privatsphäre wird wichtiger.

«Das Homeoffice hat die Schwächen der offenen Grundrisse aufgedeckt.»

Im öffentlichen Verkehr (ÖV) tendiert COVID-19 eher in eine Richtung, die den politischen Zielsetzungen für die Zukunft widerspricht. Aufgrund der Pandemie-Massnahmen haben wieder mehr Menschen den Komfort des Autofahrens gegenüber den vollen Zügen entdeckt. Diese Autopendler müssen zuerst wieder vom ÖV-Pendeln überzeugt werden. Es wird künftig auch normaler, im Winter im ÖV Masken zu tragen, wenn nicht nur Grippe-, sondern auch Corona-Saison sein wird.
Privat hat die Pandemie wenig Bereicherndes gebracht. Wenn man den ganzen Tag in den Bildschirm redet, wünscht man sich wenigstens abends oder am Wochenende Menschen als Gegenüber. Ich hoffe, dass die einschränkenden Massnahmen bald aufgehoben werden können. Bis sich im Alltag alles wieder eingespielt hat, wird es aber sicher noch zwei Jahre dauern.

PHILIP LOSKANT

Architekt ETH Zürich

Im beruflichen Umfeld beobachtete ich, dass der sonst im Baugewerbe und Immobilienbereich übliche permanente Druck in den letzten Monaten abnahm. Es scheint jetzt mehr Verständnis und Rücksicht für die jeweilige persönliche Situation des Gegenübers zu geben. Und die Leute sprechen offener über ihre Belastungen und ihre Wünsche. Ich hoffe, dass wir uns auch in Zukunft diese Rücksichtnahme bewahren, privat und in der Berufswelt. Die Pandemie lehrt uns, dass wir uns vielmehr fragen sollten, was uns im Hier und Jetzt glücklich macht.
Die letzten Monate haben gezeigt, dass die Möglichkeit der Umorganisation von öffentlichen Bereichen zentral ist. Am Anfang der Pandemie schien es wesentlich, Begegnungen von Menschen in den Gebäuden zu minimieren. Überall wurde die Erschliessung zur Einbahnstrasse umorganisiert. Später rückte die Anzahl der Personen in den Räumen selbst in den Fokus: Wartebereiche für lange Schlangen vor den Läden waren plötzlich wichtig – und kamen den Passanten im öffentlichen Raum in die Quere.

«Öffentliche Bauten und Aussenflächen sollten meiner Ansicht nach in Zukunft flexibler und grosszügiger gestaltet werden.»

Öffentliche Bauten und Aussenflächen sollten meiner Ansicht nach in Zukunft flexibler und grosszügiger gestaltet werden. In Zeiten des Friedens bieten sie Freiräume für soziale Interaktion und auch mal ungeplante Aneignung durch verschiedene Nutzer. In Zeiten einer Bedrohung unserer Gesellschaft oder einzelner Gruppen – durch was auch immer – müssen sie flexibel genug sein und spontane räumliche Veränderungen ermöglichen. Ironischerweise ist gerade die Verdichtung der Städte das Motto des zeitgenössischen Städtebaus – aus Gründen der Nachhaltigkeit, versteht sich. Ich glaube aber, dass die Städte mit der Pandemie an Attraktivität eingebüsst haben. Familienzentrierte Wohnformen in eher kleinen Gemeinden sind wieder en vogue. Dieser Trend wird durch die neu entdeckten Möglichkeiten des Homeoffice und das Preisgefälle zwischen Stadt und Land weiter verstärkt. Die Siedlungsform der Zukunft ist nicht mehr der verdichtete Wohnblock in Zürich, sondern es sind lockere Siedlungen von kleineren Mehr- und Einfamilienhäusern in peripheren Gemeinden.

ANNAMARIA MÜLLER

VR-Präsidentin der Freiburger Spitäler

COVID-19 wird sich zweifellos mittel- und langfristig auf die Gestaltung unseres Alltags auswirken. Ich glaube aber nicht, dass wir deswegen das Gesundheits­wesen gänzlich neu erfinden müssen. Spitäler und Kliniken sind es sich ja gewohnt, infektiöse Patientinnen und Patienten zu behandeln. Wichtig ist, dass während einer Pandemie den Spitälern in genügender Zahl Personal und Behandlungs­plätze zur Verfügung stehen. Ebenso hat sich gezeigt, dass der «Regel­betrieb» normal weiterlaufen sollte. Es sind also Lösungen gefragt, die sowohl einen effizienten Regel­betrieb als auch die Bewältigung einer ausser­ordentlichen Lage erlauben.
Grösser als in den Spitälern ist die Heraus­forderung in Alters- und Pflege­heimen. Da besteht nämlich für besonders vulnerable Populationen doppeltes Risiko: erhöhte Ansteckungs­gefahr und schwerere Krankheits­verläufe. Deswegen sind hier Bauten gefragt, die mehr Abstand und Isolation ermöglichen, jedoch ohne teuren Platz zu verschwenden und ohne Weg­sperren von Bewohner­innen und Bewohnern. Zum Glück läuft der Trend schon heute in Richtung Abbau der «monolithischen» Betagten­zentren, zugunsten von altersgerechten individuellen Wohn­formen. Dieser Trend wird sich aufgrund von Corona weiter verstärken.

«Zum Glück läuft der Trend schon heute in Richtung Abbau der ‹monolithischen› Betagtenzentren, zugunsten von altersgerechten individuellen Wohnformen. Dieser Trend wird sich aufgrund von Corona weiter verstärken.»

Im öffentlichen Raum werden Hygiene- und Schutzkonzepte mit Maskenpflicht, Abstandsregeln und Desinfektionsmöglichkeiten wohl noch länger zum Alltag gehören. Bei Objekten, die von allen berührt werden, also Haltevorrichtungen, Knöpfen und Tasten etwa an Billett-, Geld- und Parkautomaten oder in Aufzügen sind kontaktlose Bedienungsmöglichkeiten gefragt. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit solchen Lösungen, in Kombination mit den Impfstoffen und der zunehmenden Herdenimmunität, die Pandemie auf längere Sicht zumindest in Schach halten können.

CHRISTINE NICKL-WELLER

Emeritierte Professorin für Architektur an der TU Berlin, VR-Präsidentin Nickl & Partner

Unsere architektonischen Projekte waren glücklicherweise kaum von Corona betroffen. Wir konnten sogar neue Aufträge akquirieren und auf allen Baustellen weiterarbeiten, z.B. auch in Baden, wo das neue Kantonsspital nun im Rohbau steht und der Innenausbau planmässig voranschreitet. Belastend in unserem Arbeitsumfeld war hingegen, dass das verbindende Miteinander im Büro, etwa in Form von Festen oder gemeinsamen Exkursionen, nicht mehr möglich war. Ich stelle fest, dass mit der Pandemie mein eigentliches Fachgebiet, das Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten für das Gesundheitswesen, stärker in den Mittelpunkt gerückt ist. Natürlich bin ich ganz froh darum. Plötzlich findet eine breite Diskussion über den Krankenhausbau im Besonderen und die Beziehung zwischen menschlicher Gesundheit und der Umwelt im Allgemeinen statt. Corona hat uns die Verletzlichkeit unseres Gesundheitswesens vor Augen geführt. Die Pandemie hat aufgezeigt, wie wichtig es ist, in eine gute Infrastruktur zu investieren, auch mit Blick auf die Bedürfnisse des Pflegepersonals und die Belange der Ärzteschaft. Auch die Frage der Flexibilität im Krankenhausbau ist noch zentraler geworden: Wie kann ich schnell und flexibel Kapazitäten für Krisensituationen schaffen? Diese Thematik interessiert mich sehr, da wir uns schon länger mit modularem und dynamischem Bauen – zum Beispiel in Form von Pocket Clinics – auseinandersetzen. Auch Aspekte der Healing Architecture, wie sie zum Beispiel im neuen Kantonsspital Baden ins Konzept eingeflossen sind, werden in Zukunft noch wichtiger.

«Die Frage der Flexibilität im Krankenhausbau ist noch zentraler geworden: Wie kann ich schnell und flexibel Kapazitäten für Krisensituationen schaffen?»

 
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