Die Ikonen unter den Sportstadien

In Stadien, Arenen und auf Sport­plätzen geht es immer um Super­lative und Rekorde. Manchmal ist es auch das Stadion selbst, das zu­mindest einen Super­lativ für sich ver­buchen kann, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Doha, Katar

Am modernsten: Lusail Iconic

Am Lusail Iconic Stadium etwas ausserhalb von Doha, der Hauptstadt von Katar, wird seit April 2017 gebaut. Falls die Arbeiten planmässig voranschreiten, wird der Bau Ende dieses Jahres vollendet sein. In den Mittelpunkt des sportlichen Geschehens rückt die neue Sportstätte erst in rund zweieinhalb Jahren: Am 18. Dezember 2022 wird dort das Endspiel der Fussball-WM ausgetragen. Über 86'000 Zu­­schauer dürften dann die Partie direkt vor Ort verfolgen, zusammen mit annähernd einer Milliarde Menschen vor den Bildschirmen rund um die Welt. Das futuristische Design des imposanten Bauwerks entstammt dem Büro des britischen Stararchitekten Norman Foster. Dessen Team in London liess sich bei der Gestaltung vom Segel des traditionellen arabischen Dhau-Boots inspirieren. Das ­Stadion ist so gebaut, dass der Rasen stets komplett im Schatten liegt. Die Luft im Innern lässt sich auf angenehme 26 °C herunterkühlen. Ausserdem schützt ein elegantes Stahlnetzdach vor Wind und Wetter. Für Klimaregulierung sorgt weiter ein die Sportstätte einrahmendes riesiges Wasserbecken. Angesichts der Ausstattung und der Dimensionen muten die Baukosten von 767 Millionen Dollar für das Lusail Iconic verhältnismässig bescheiden an. Doch der Betrag bezieht sich einzig auf das Hochbauteil, exklusiv Erschliessungs- und Umgebungskosten. Das Stadium ist in eine neue Metropole für rund 200'000 Menschen eingebettet, die als städtebauliches Gesamtprojekt konzipiert ist – insgesamt eine Investition von 20 Milliarden Dollar. Nach der WM soll das Lusail Iconic verkleinert werden. Die Infrastruktur wird in einem für die Allgemeinheit konzipierten Areal mit Schulen, Geschäften, Cafés, Sportanlagen und Kliniken aufgehen. Die nicht länger benötigten Sitze werden nach dem Turnier demontiert und an Sportprojekte auf der ganzen Welt gespendet.

Tokio, Japan

Am aktuellsten: Nationalstadion Tokio

Das Neue Nationalstadion in Tokio hätte als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2020 und damit des weltweit wichtigsten Sportereignisses im August im Mittelpunkt des Interesses gestanden. Dieser grosse Auftritt ist nun aufgrund des Coronavirus vorläufig aufs nächste Jahr verschoben. Bedenkt man die lange Vorgeschichte, so grenzt es an ein Wunder, dass das Stadion rechtzeitig fertiggestellt werden konnte. Am 1. Januar 2020 ging das Stadion in Betrieb, mit dem Endspiel um den japanischen Fussball-Kaiserpokal. Entworfen hat den umgerechnet rund 1,3 Milliarden Franken teuren Bau mit seinen 68'000 Sitzplätzen der japanische Architekt Kengo Kuma. Besonders spektakulär ist die Überdachung, eine hybride Konstruktion aus Stahlrohr sowie Zedern- und Lärchenholz, die insgesamt 19'000 Tonnen wiegt. Trotz dieser wuchtigen «Kopflast» wirkt das imposante Werk einladend und leicht, dank einer die Durchlüftung im Stadioninnern fördernden offenen Fassade. Fast schon vergessen ist heute, dass die Bauherren, der Japan Sports Council und die japanische Regierung, vor viereinhalb Jahren noch vor einem Scheiterhaufen standen: Der erste Entwurf von Zaha Hadid Architects (ZHA) aus London, ein 3 Milliarden Franken teures Stadion mit verschieb- und versenkbaren Zuschauerrängen sowie einem schliessbaren Dach, wurde aus Kostengründen wieder begraben. Daraufhin zauberten die beiden einheimischen Architekten Toyo Ito und Kengo Kuma innerhalb von 14 Wochen neue Pläne hervor, unter der strikten Bedingung der Bauherren, sich an das Kostendach von 1,3 Milliarden Franken zu halten. Woraufhin schliesslich Kengo Kuma den Zuschlag erhielt. Sein Vorschlag für ein redimensioniertes Stadion wurde innerhalb von knapp drei Jahren umgesetzt. Auf Extras wie versenkbare Tribünen und ein verschliessbares Dach hat der Architekt allerdings verzichten müssen. Die neue Sportstätte hat auch bereist einen Spitz­namen. Die Japaner bezeichnen sie nicht gerade respektvoll als Hamburger.

Indianapolis, USA

Am grössten: Indianapolis Motor Speedway

Der Motodrom im Mittleren Westen der USA wurde 1909 eröffnet. Die Kosten beliefen sich damals auf aus heutiger Sicht bescheidene 3 Millionen Dollar. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden entlang des rund vier Kilometer langen Rundkurses mehr und mehr Zuschauerrampen. Sie wuchsen zu einem Stadion zusammen, das 250'000 Personen Platz bietet. Hinzu kommen 150'000 Stehplätze im flachen Innenbereich, sodass der Motodrom insgesamt 400'000 Besucherinnen und Besucher fasst. Das macht ihn zur grössten Sportarena der Welt. Als Augenweide lässt sich das Bauwerk mit seinen überlangen Tribünen und den überhöhten Steilkurven wohl kaum bezeichnen. Mehr zu reden als die Hochbauten gab immer wieder der Belag der Rennstrecke. Bis 1935 war der Rundkurs mit Ziegelsteinen gepflastert. Gefährliche Stellen wurden nach Unfällen notdürftig mit Asphaltflicken überdeckt. In den 60er-Jahren wurden dann die Ziegelsteine bis auf einen drei Fuss breiten Streifen an der Start- und Ziellinie durch Asphalt ersetzt. Um im Motodrom nicht nur Rennen der amerikanischen IndyCar-Serie und des Nascar-Cups, sondern auch der Formel 1 und der Motorrad-Weltmeisterschaft durchführen zu können, entstand 1998 innerhalb des Ovals eine zweite Rennstrecke von 4,2 Kilometern mit 13 Kurven. In der Folge machten der Formel-1-­Zirkus, später auch die Motorrad-WM in Indianapolis verschiedene Male Station. Die Arena, die bereits 1975 als Landschaftsdenkmal von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt wurde, besitzt bei den Anhängern des Motorsports auf der ganzen Welt unbestrittenen Kultstatus.

Peking, China

Am eindrücklichsten: The Bird's Nest

The Bird's Nest Das kurz vorher eröffnete Nationalstadion Peking war an den ­Olympischen Sommerspielen 2008 die Sportstätte, wo die Eröffnungs- und die Schlussfeier, die Leichtathletik-Wettkämpfe und der Fussball-Final über die Bühne gingen. 2015 fand dort die Leichtathletik-WM statt. In knapp zwei Jahren wird das Stadion bei der Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Olympischen Winterspiele 2022 erneut im Mittelpunkt stehen. Entworfen haben den spektakulären Bau die Architekten Herzog & de Meuron, zusammen mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei und weiteren chinesischen Partnern. Aufgrund seiner äusseren Hülle ist das Stadion weltweit als das Vogelnest oder Bird’s Nest bekannt: ein verschlungenes Stahl­gerüst, insgesamt 42'000 Tonnen schwer, das aus Tausenden von bis zu 350 Tonnen schweren «Zweigen» besteht. Diese Hülle ist vom Stadionkern leicht ab­gesetzt. Das ist notwendig, um die durch die Temperaturschwankungen ausgelösten gewaltigen Spannungen des Stahls zu verringern. Beim 69 Meter hohen Gebäude, das eine Grundfläche von 330 mal 220 Metern einnimmt, wurde aus Kostengründen auf das ursprünglich geplante riesige Dach verzichtet. Das Stadion weist deswegen in der Mitte ein 185 mal 122 Meter grosses offenes Oval auf. Der Bau kostete umgerechnet 325 Millionen Euro und fasst 80'000 Zuschauer. Peking hat mit dem Bird’s Nest ein Wahrzeichen erhalten, von dem die Erbauer hoffen, dass es für die chinesische Hauptstadt über die Zeit eine ähnliche Ausstrahlung haben wird wie der Eiffelturm für Paris.

Wimbledon, England

Am exklusivsten: Wimbledon Centre Court

Rund um den Hauptplatz des alljährlich stattfindenden Grand-Slam-Turniers von England thront das weltweit exklusivste Tennisstadion. Benutzt wird der Wimbledon Centre Court ausschliesslich während der zwei Turnierwochen. Er liegt auf einem riesigen Gelände mit insgesamt 41 Tennisplätzen, darunter der 1997 errichtete No. 1 Court mit 11'400 Zuschauerplätzen. Die Geschichte des Centre Court beginnt im Jahre 1922. König George V. weihte das damals 14 000 Plätz bietende Stadion ein. Dessen Eigentümer ist der All England Lawn Tennis and Croquet Club, ein von englischen Adeligen im 19. Jahrhundert gegründeter Verein, der heute von Edward II, Duke of Kent, präsidiert wird. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Stadion mehrmals aufgehübscht und schliesslich auf das Turnier von 2009 hin umfassend renoviert und auf eine Kapazität von 15'000 Plätzen vergrössert. Ausserdem erhielt der Centre Court ein vor Regen schützendes Dach, das sich in zehn Minuten öffnen resp. schliessen lässt. Fast noch berühmter als die Stadionkonstruktion ist die Spielfläche: Der heilige Rasen besteht aus Weidelgras, das übers ganze Jahr gehegt und gepflegt und für das Turnier auf 8 Millimeter zurückgestutzt wird. Während der zweiwöchigen Championships sind 16 hauptamtliche «Grashüter» im Einsatz, die von 243 Helfern unterstützt werden. Sie müssen die nachwachsenden Halme täglich wieder um 2 Millimeter zurückschneiden. Der Rasen ist ganz klar der Hauptdarsteller dieser Sportstätte, die nicht nur England, sondern dank Roger Federer und seinen acht Wimbledon-Siegen auch die Schweiz mit patriotischen Gefühlen verbindet.

New York, USA

Am teuersten: MetLife Stadium New York

Mit einer Bausumme von 1,6 Milliarden ­Dollar gilt das MetLife ­Stadium in New York als die teuerste Sportstätte überhaupt. Die Arena wurde zwischen Herbst 2007 und Frühling 2010 innerhalb von zweieinhalb Jahren fertiggestellt. Hauptsächlich wurde sie für die Heimspiele der New York Giants und der New York Jets errichtet. Diese beiden legendären Teams des American Football haben die Arena auch komplett finanziert. Mit einer Kapazität von 82'500 Zuschauern ist das MetLife die zweitgrösste Spielstätte der National Football League (NFL). Die Stadionfassade aus Aluminium kann – wie bei der Allianz Arena in München – mit unterschiedlichen Farben beleuchtet werden: Blau für die Giants, Grün für die Jets, Rot für ein Konzert und Weiss für andere Veranstaltungen. Wenn nicht American Football, sondern Fussball, Wrestling oder irgendein Konzert angesagt ist, lässt sich das Fassungs­vermögen auf 90'000 Zuschauer erweitern.  Das MetLife hat in seiner noch jungen Geschichte schon verschiedene Höhepunkte erlebt: Je zweimal war es Austragungsort der Super Bowl, der WrestleMania und von Fussballspielen im Rahmen des Concacaf Gold Cups 2011 und 2015. Ausserdem traten in den letzten zehn Jahren auf der Bühne mehr oder weniger alle Musikstars auf, die eine Arena von dieser Grösse überhaupt zu füllen vermögen, von Bruce Springsteen bis zu den Rolling Stones. Ursprünglich war geplant, die Namensrechte an der neuen Sportstätte an den deutschen Allianz-Konzern zu veräussern. Aus politischen Gründen erhielt schliesslich 2011 das New Yorker Versicherungsunternehmen MetLife den Zuschlag für 25 Jahre. Das MetLife verknüpft aber heute kaum jemand mit Versicherungen, sondern jeder denkt dabei sofort an Sport und Glamour. Das Stadium ist auch viel berühmter als seine Erbauer: Den Ruhm der Architekten teilen sich die vier Büros 360 Architecture, EwingCole, Rockwell Group und Bruce Mau Design Inc.

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