Die ideale Stadt von morgen – vier Visionen

Was sind in Zukunft die herausfordernden Aufgaben im Gebäudebau? Und was kann dabei die Digitalisierung alles leisten? next floor hat vier Experten gebeten, ihre Erwartungen und Vorstellungen im Gespräch zu skizzieren.

RENATE AMSTUTZ

Direktorin Schweizerischer Städteverband

«Eine Stadt ist dann perfekt, wenn sie nicht perfekt ist, sondern laut und leise, gross und klein, alt und neu, roh und geschliffen, quirlig und beschaulich, bewahrend und wandelbar. Sie soll Vielfalt auf dichtem Raum bieten, aber auch Leere zulassen und der Natur Raum geben. Die Stadt ist Vergangenheit und Zukunft, erlebbar allerdings nur in der Gegenwart, mit Quartieren, von denen jedes seinen eigenen Charakter hat und seine eigene Geschichte erzählt. Ich erwarte von einer Stadt einen menschengerechten Massstab, Begegnungs- und Reibungsflächen, Rückzugsmöglichkeiten sowie genug Platz für verschiedene Menschen und verschiedene Lebensstile. Eine gute Stadt ist nicht einfach gebauter Raum oder Freiraum, sondern sie ist immer am Werden und jederzeit für Überraschungen gut. Und sie ist vor allem ein Lebensgefühl.
Seit ich erwachsen bin, wohne ich in Bern. Ich finde hier viel von dem, was ich für meinen Alltag, zum Arbeiten, Wohnen, für die Freizeit, Kultur und den Einkauf brauche, und zwar auf kurzen Wegen. Mein Quartier ist rundum attraktiv und lebendig. Das Zentrum Paul Klee liegt als Quelle der Inspiration praktisch vor der Haustür, ebenso der Anschluss an den Bus zu meinem Arbeitsplatz im Stadtzentrum. Dessen Altstadt, ein UNESCO-Welterbe, lädt zum Verweilen und zum Einkaufen etwa auf dem farbigen Märit ein. Es gibt hier ein breites kulturelles Angebot, vom klassischen Konzert und Jazz über Theater, Kabarett und Museen bis zur Klein- und Strassenkunst. Ich kann in Bern vieles tun, und wenn ich noch mehr will, kann ich schnell verreisen. Das tue ich oft, in andere Städte, weil ich Städte grundsätzlich liebe, aber auch aufgrund meiner beruflichen Aufgabe beim Schweizerischen Städteverband. Ein wichtiges Ziel unserer Organisation ist der Informations- und Wissensaustausch zwischen den Städten, sodass sie in sämtlichen Politikbereichen voneinander lernen können. Zudem bringen wird die Forderungen von Städten und Agglomerationen konsequent in die Bundespolitik ein und sensibilisieren die Öffentlichkeit für die grossen Herausforderungen der urbanen Schweiz. Der demografische Wandel, die dichte Innenentwicklung, die Mobilität, die Digitalisierung, der Klimawandel – sie alle werden das Gesicht der Städte verändern. Diese Veränderungen können nur gelingen, wenn sie nicht nur für Menschen, sondern mit den Menschen gestaltet werden. Die Bevölkerung muss unterschiedliche, möglichst niederschwellige Beteiligungsmöglichkeiten wahrnehmen können, sodass sie auch Verantwortung übernehmen kann.

«Eine Stadt ist dann perfekt, wenn sie nicht perfekt ist, sondern laut und leise, gross und klein, alt und neu, roh und geschliffen, quirlig und beschaulich,
bewahrend und wandelbar.»

Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, die aktuellen und künftigen Herausforderungen der Städte zu meistern. Der Veränderungsdruck ist zwar gross und er wächst stetig weiter. Die Stadt der Zukunft bleibt, wie ich hoffe, eine Stadt der Nähe und der Begegnung in der realen Welt. Sie ist eine Generationenstadt des Miteinanders und pulsiert dank einer gelebten Diversität in verschiedenen Rhythmen. Sie funktioniert mit kurzen Wegen, die am besten zu Fuss oder mit umweltverträglichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Sie nutzt die neuen digitalen Technologien, damit wir im besten Sinne smart werden. Sie passt sich ans Klima an, schont Ressourcen und bietet eine hohe Lebensqualität, die zum Bleiben einlädt. Und sie ist attraktiv für eine innovative Wirtschaft.»

ENRICO SLONGO

Stadtentwickler Fribourg


«Stadtentwicklung beruht weniger auf spektakulären Zukunftsvisionen, sondern erfordert vielmehr ein hohes Verständnis für die Baukultur. Zu deren Förderung können wir von den Behörden einiges beitragen. Allerdings wäre es schön, wenn auch Private und Unternehmer dieser Maxime treu verpflichtet wären und von sich aus eine hohe Baukultur anstreben würden. Ich wohne heute mit meiner Familie in Muri in unmittelbarer Nähe zur Stadt Bern. Wir sind in einer Siedlung aus den Siebzigerjahren zu Hause, in einem Bungalow-ähnlichen Haus. Es gehört zu einer sogenannten Teppichsiedlung: L-förmige Häuser reihen sich so aneinander, dass jede Liegenschaft dank einem einseitig offenen Patio grösstmögliche Privatsphäre aufweist, dies trotz kleiner Parzellenflächen. Wir sind hier eher zufällig gelandet, einfach weil ein passendes Angebot zur richtigen Zeit verfügbar war. Wichtig ist, dass unser Haus in unmittelbarer Nähe zu einer Tramlinie liegt, denn ich bin ein Stadtmensch und liebe das Stadtleben. Stadt ist bekanntlich überall dort, wo das Tram fährt. Andererseits öffnet sich praktisch vor unserer Haustüre in südlicher Richtung eine grüne und ausgesprochen ruhige Geländekammer.

«Das Pendeln ist für mich zwar kein Problem, aber als Lebensvision ist es irgendwie ein Relikt aus den Neunzigerjahren und angesichts des Klimawandels keine zukunftsträchtige Lösung.»

Dass ich seit Kurzem als Stadtarchitekt von Fribourg und Leiter des Hochbau- und Planungsamtes nun ausserhalb meines Arbeitsumfeldes wohne, ist wohl eher ein Nachteil. Selbstverständlich würde ich gerne etwas intensiver am Leben der Fribourger teilnehmen. Andererseits bietet eine gewisse wohnliche Distanz zum Arbeitsort vielleicht eine bessere Sicht auf das Ganze. Das Pendeln ist für mich zwar kein Problem, aber als Lebensvision ist es irgendwie ein Relikt aus den Neunzigerjahren und angesichts des Klimawandels keine zukunftsträchtige Lösung. Ich bin überzeugt, dass die Menschen künftig viel näher beim Arbeits- und Freizeitort leben wollen.
Wie in vielen Schweizer Städten gibt es auch in Fribourg mehrere grosse städtebauliche Projekte. Sie betreffen zum Beispiel die Neugestaltung des Bahnhofgebiets und der öffentlichen Räume im Burgquartier sowie die Revitalisierung der Sarine. Eine weitere grosse Herausforderung ist die bessere Abstimmung der Siedlungsentwicklung mit dem Verkehr. Die Bevölkerung ist, wie Umfragen gezeigt haben, mit der aktuellen Situation überhaupt nicht zufrieden. Konkret würde ich gerne prüfen, ob zwischen S-Bahn und Trolleybus eine weitere Verkehrsinfrastruktur (Tram, Stadtbahn) im Raum Grand-Fribourg die Situation verbessern könnte.
Im Ausland würde mich aus fachlichem Interesse die Stadt Kopenhagen interessieren. Wir haben uns auf unserem diesjährigen Städtetrip in der dänischen Metropole nur mit dem Fahrrad fortbewegt. Dieses Fahrradnetz und die Wohnquartiere, die sowohl städtebaulich als auch architektonisch attraktiv sind, haben mich fasziniert. Ausserdem ist Velofahren in Kopenhagen, weil die Stadt flach ist, überhaupt nicht anstrengend.»

FABIENNE HOELZEL

Architektin und Professorin für Städtebau

«Ich bin gnadenlos optimistisch, dass es uns gelingen wird, die Entwicklung der Städte in die gewünschten Bahnen zu lenken – sonst könnte ich meine Arbeit nicht machen. Dabei interessiert mich nicht die Umsetzung eines bestimmten Masterplans, sondern vielmehr der Entwurf von Rahmenwerken, die die ständige Erneuerung gewährleisten und dabei möglichst viel Freiheit erlauben. Wenn ich sehe, wie die Leute in Lagos in den zahlreichen Slum Communities, in denen wir aktiv sind, ihr Leben organisieren, kann ich mich nur bescheiden und demütig verneigen.

«Das Ideal wäre gewissermassen ein Mix aus Lagos' Wildheit, Zürichs effizienter Infrastruktur und Stuttgarts ständig köchelnden Zukunftsdebatten.»

Um wirklich konzentriert und ohne Ablenkung zu arbeiten, kann ich mir zwar keinen herrlicheren Ort als Zürich vorstellen. Doch meine berufliche Leidenschaft gilt Städten wie Lagos, Addis Abeba, São Paulo oder Mumbai. Ich habe schon an vielen Orten gelebt. Und ich wage zu behaupten, dass ich so flexibel bin, dass ich überall leben könnte. Zurzeit wohne ich in Zürich und in Stuttgart. Ausserdem bin ich aus beruflichen Gründen öfters und manchmal länger in Lagos (Nigeria), mit dem mich eine «intellektuell-konzeptuelle» Liebe und konkret meine Arbeit als Architektin und Stadtplanerin verbindet. An Zürich schätze ich das Übersichtliche, das Ordentliche, das tadellos Funktionierende, an Stuttgart die relative Hässlichkeit etwa im Vergleich zu München oder Hamburg. Dafür treffen dort fast sämtliche deutschen Dringlichkeiten wie die Zukunft der Automobilindustrie, die Zukunft der deutschen Ingenieurskunst, die Mobilität der Zukunft, die künftige Klimapolitik usw. zusammen.
Wann immer ich aus Afrika zurückkomme, kann ich es kaum fassen, wie prall und sauber Zürich ist. In Lagos herrscht hingegen eine gewisse Anarchie. Die Regierung kriegt faktisch keinen Fuss auf den Boden und die Menschen wirbeln, arbeiten und wuseln den ganzen Tag, um all das bereitzustellen, was man zum Leben braucht: Wasser, Strom, Mobilität, Wohnraum … Das scheinbare Chaos hat jedoch System und es funktioniert irgendwie, und das nicht einmal schlecht, sodass ich ein grosses Interesse dafür entwickelt habe, was wir daraus für Stadtentwicklungsprozesse auch in Europa lernen können. Das Ideal wäre gewissermassen ein Mix aus Lagos' Wildheit, Zürichs effizienter Infrastruktur und Stuttgarts ständig köchelnden Zukunftsdebatten. Zürich für sich allein wirkt in meiner Wahrnehmung etwas zu satt. Die Gespräche, die hier geführt werden, ähneln oft dem Säuseln eines sanften Sommerwindes. Generell wäre ich für eine experimentellere, liberalere und rauere Stadtplanung. Stuttgart wünsche ich einen Regierungswechsel, weniger Bürokratie und mehr Mut. Lagos könnte grossartig sein, wenn die Regierung endlich aufhören würde, Städten wie Singapur oder Dubai nachzueifern.
Es ist ein Privileg, dass ich in verschiedenen Rollen einen Beitrag zur Zukunft leisten darf: In Stuttgart lehre ich an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Entwerfen und Städtebau. In Lagos bin ich über die Projekte unseres Studios «Fabulous Urban» vor allem intervenierend, manchmal beratend und oft auch aktivistisch tätig. Ausserdem wirke ich in der Schweiz und in Deutschland in Jurys, Preisgerichten und Beratungsgremien mit.»

THOMAS KESSLER

Städteberater

«Die ideale Stadt der Zukunft nutzt die bestehenden Infrastrukturen, sie schont und erweitert die Grünflächen, auch auf Dächern und vertikal, und sie transformiert veraltete Nutzungen in neue Kombinationen für Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Energie und KMU. Beeindruckend sind für mich Städte wie Belgrad, Tel Aviv oder Haifa, wo die konfliktbeladene Geschichte die jungen Leute zu neugierigem und engagiertem Leben inspiriert. Das können wir zwar nicht kopieren, aber davon zumindest einiges an Experimentierfreude und Kreativität übernehmen. Ich war in drei öffentlichen Funktionen, zuletzt als Kantons- und Stadtentwickler, an wesentlichen Entwicklungen der Stadt Basel beteiligt. Seit zwei Jahren bin ich selbstständig und werde von verschiedenen Städten und Kantonen um Beratung angefragt. In Basel hingegen halte ich mich, weil ich ja über 25 Jahre exponierte Leitungsfunktionen innehatte und die Vertraulichkeit wahren möchte, nun aus lokalen Fragen weitgehend heraus. Das Haus, in dem ich seit 20 Jahren mit meiner Familie wohne, stand vorher längere Zeit leer, sodass wir es zuerst gründlich umbauen lassen mussten. Es verfügt über zwei Wohnungen, von denen wir eine an Familien vermieten. Das Gebäude liegt an einer kinderfreundlichen Wohnstrasse, die Nachbarschaften sind toll und es wird oft gemeinsam grilliert.

«Die Entwicklung der Mediensituation und der Rückzug in Interessengruppen haben die spannenden Auseinandersetzungen merklich erlahmen lassen.»

Basel befindet sich wie jede echte Stadt in dauernder Veränderung, getrieben von der Wirtschaftskraft der Life Sciences, dem Zuzug der entsprechenden Arbeitnehmer und der steigenden Lebensqualität durch gepflegte Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum. Die Stadt ist attraktiv für alle, die auf das Mondäne im Alltag gerne verzichten. Sie bietet viel Kultur, Geschichte und Beschaulichkeit, aber nicht unbedingt einen dynamischen Diskurs und Risikobereitschaft. Das war früher einmal anders. Aber die Entwicklung der Mediensituation und der Rückzug in Interessengruppen haben die spannenden Auseinandersetzungen seither merklich erlahmen lassen. Das Leben läuft eher kleinstädtisch ab, unter langjährigen Bekannten und Schulkolleginnen, in sehr überschaubarem Kreis. Für die kreativen Impulse sorgen primär die Zugezogenen, dank deren Ideen die Stadt zukunftsorientiert und fit bleibt.
Die raschen technologischen Veränderungen mit der Digitalisierung, der Industrie 4.0 und den emissionsarmen Energieträgern eröffnen Basel grosse Chancen. Mit Homeoffice, flexiblen Präsenzzeiten sowie neuen Arbeits- und Wohnmodellen kann die Lebensqualität im engen Stadtraum stark gesteigert werden. In Gehdistanz zu den neuen Bürotürmen der Roche, wo mehrere Tausend Arbeitsplätze in den zwei höchsten Gebäuden der Schweiz untergebracht werden, bieten sich zum Beispiel am Rhein für moderne Wohnformen und Freizeitangebote ideale Flächen an. Dafür müsste bloss ein Busdepot neu konzeptioniert und grosszügig überbaut werden. Für den Abend-Apéro könnte man dann ein grosses Floss auf den Rhein setzen, mit Abendsonne und fantastischer Sicht auf die elsässischen Hügel … Ich bin also bereits bei einer konkreten Vorstellung, was sein könnte, und ich bin optimistisch, dass das nicht eine Utopie bleiben muss. Sobald die Chancen breiter erkannt werden und die Fitten sie auch nutzen, wird es in Basel einen Innovationsschub geben.»

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