Das erste energie­autarke Mehrfamilien­haus der Welt

Wie lebt es sich, ohne ans Stromnetz angeschlossen zu sein? In Brütten steht das erste energieautarke Mehrfamilienhaus der Welt. Keiner friert und alle freuts, während der Schöpfer bereits an seinem nächsten Wurf arbeitet.

Die Anzeige auf dem Bedienpanel im Wohnzimmer zeigt am Ende des Waschtages einen roten Balken. «Heute haben wir mehr Strom verbraucht als sonst. Aber Waschen ist halt energieintensiv», stellt Corinne Vogt fest. Die 38-Jährige wohnt mit ihrer Familie im ersten energieautarken Mehrfamilienhaus der Schweiz. Energieautark bedeutet, dass das Gebäude die gesamte Energie – also auch den Strom und die Heizenergie –, die seine Bewohner zum Leben benötigen, selber produziert. Das Haus ist also weder ans Strom- noch ans Gasnetz angeschlossen. Dafür bestehen das Dach und die gesamte Fassadenverkleidung aus Photovoltaikmodulen, die elektrische Energie herstellen. Bei strahlendem Wetter wird mehr Sonnenlicht in Strom umgewandelt, als sofort verbraucht werden kann. Der Überschuss wird eingesetzt, um durch Elektrolyse Wassermoleküle in seine Bestandteile aufzuspalten. Der dabei entstehende Wasserstoff wird in einem Tank gespeichert und bei Bedarf in einer Brennstoffzelle wieder in Strom und Wärme zurückverwandelt. Das ausgeklügelte Haustechniksystem gewinnt zudem mit Erdwärmesonden dem Erdreich Wärme ab. In der warmen Jahreszeit produziert das Gebäude überschüssigen Strom. Mit dieser Energie wird Wasser aufgeheizt, das in einem riesigen in den Boden versenkten Tank lagert. In den Wintermonaten nutzen Wärmepumpen das warme Wasser für Heizzwecke. Eine raffinierte Steuerung organisiert das komplexe Zusammenspiel all dieser Anlagen und versorgt die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Haustechnik aus den verschiedenen Quellen mit der jeweils gerade benötigten Energie.

«Wie viel Strom haben wir heute verbraucht?» Corinne Vogt konsultiert mit Tochter Lynn das Bedienpanel in ihrem Wohnzimmer.

Duschen statt baden

Als Corinne Vogt vor drei Jahren in den damaligen Neubau einzog, schaute sie noch fast täglich nach, ob sie das Energiebudget eingehalten hatte. Denn jeder Mietpartei stehen pro Jahr 2200 Kilowattstunden elektrischer Energie zur Verfügung. Das entspricht rund der Hälfte dessen, was ein durchschnittlicher Haushalt verbraucht. Dieses Energiebudget ist im Mietzins inbegriffen. Wer es überzieht, muss zusätzlichen Strom zukaufen – mit einem Zuschlag, versteht sich. «Anfangs waren wir beim Stromverbrauch sehr vorsichtig. Dann realisierten wir rasch, dass das Energiebudget gut ausreicht, ohne dass wir uns einschränken müssen», erklärt sie. Das bestätigt auch ihre Nachbarin Rhode Dössegger. «Wir setzen zwar den Strom bewusster ein, seit wir hier wohnen, aber deswegen müssen wir auf nichts verzichten», beteuert sie. So hänge sie die Wäsche meistens auf, statt den Trockner zu benutzen. Ihr Mann Benjamin gönnt sich heute anstelle der einstmals geliebten Schaumbäder eher eine Dusche. Und beim Einsatz des Geschirrspülers drücken sie fast immer die Energiespartaste. Hilfreich ist sicher, dass die Wohnungen mit energieeffizienten Haushaltgeräten ausgestattet sind. «Mittlerweile achten wir aber auch selber beim Kauf von Geräten und Leuchtmitteln automatisch auf einen niedrigen Stromverbrauch », betont Corinne Vogt. Sie habe sich zudem dabei ertappt, wie sie selbst in den gemeinsamen Skiferien mit Freunden immer wieder in unbenutzten Räumen das Licht ausgeknipst habe.

Erschwingliche Mieten

Im energieautarken Mehrfamilienhaus in Brütten wohnt es sich behaglich. Den Härtetest bestanden das Gebäude und seine Bewohner im ersten Winter nach dem Bezug. Dieser brachte ungewöhnlich tiefe Temperaturen. Frieren musste dennoch niemand. Die grossen Fenster auf der Südseite holen viele wärmende Sonnenstrahlen ins gut isolierte Haus. Auf schattenspendende Vordächer wurde beim Bau bewusst verzichtet. Auch bei während Wochen trübem Wetter fällt die Raumtemperatur nie unter 20 Grad. «Wir wohnten früher in einem alten Bauernhaus. Dort war es auch nicht wärmer. In überheizten Räumen wäre es uns gar nicht wohl», findet Corinne Vogt. Ihre siebenjährige Tochter Lynn liebe es viel mehr, sich das ganze Jahr hindurch barfuss durch die Wohnung zu bewegen. Rhode Dössegger gönnt sich als einzigen Luxus, manchmal das Badezimmer mit einem Elektroofen kurz aufzuheizen, bevor die Kinder in die Wanne springen, wie sie einräumt. Aber selbst das liegt im Energiebudget drin. Als zusätzlicher Vorteil steht den Mietern ein mit Biogas betriebenes Auto zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung. Angetrieben wird es mit Biogas aus der nahen Tankstelle. Das Energiebudget wurde auch in diesem Fall beschränkt – auf die Biogasmenge nämlich, die aus dem im Haus anfallenden Grüngut hergestellt werden kann. Beide Familien geniessen ihre grosszügig geschnittene Wohnung. «Verglichen mit anderen Neubauten sind wir mit dem Mietzins sehr zufrieden. Dies vor allem, da die Nebenkosten und selbst der privat verbrauchte Strom im Rahmen des gesetzten Budgets darin inbegriffen sind», unterstreicht Rhode Dössegger.

Gemütliches Familien­leben, auch ohne Anschluss ans Stromnetz. Rhode und Benjamin Dössegger spielen mit Lias und Tim.

Ein Pionier am Werk

Solche Worte hört Walter Schmid gerne. Er ist der Kopf hinter der Umwelt Arena, die gemeinsam mit Ausstellungspartnern das energieautarke Mehrfamilienhaus in Brütten realisiert hat (siehe Kästchen). «Ich bin überzeugt, dass energieautarke Gebäude langfristig nicht teurer zu stehen kommen als konventionell errichtete. Der Wohnkomfort und die hohe Kostensicherheit sind zudem für die Mieter grosse Pluspunkte, ist Walter Schmid überzeugt. Der Bauunternehmer befasst sich schon lange mit umweltfreundlicher Energieerzeugung. Inspiriert haben ihn die autofreien Sonntage während der Ölkrise von 1973. «Damals wuchs bei mir die Überzeugung, dass wir unsere Abhängigkeit von den fossilen Brennstoffen verringern müssen», hält er fest. Seither hat er bei jedem Bauprojekt, das er anpackte, alternative Energiekonzepte einbezogen. Er setzte lange vor anderen Bauherren Holzfeuerungen, Wärmepumpen und Solarkollektoren ein und er war einer der ersten, die hierzulande in Tiefenbohrungen die Erdwärme nutzbar zu machen suchten. Oft übernahm er die Pionierrolle und bezahlte dafür Lehrgeld. «Vieles, was ich angefasst habe, bereitete anfangs Probleme. Aber wir haben dafür immer Lösungen gefunden.» Vor 25 Jahren entwickelte Walter Schmid ein Verfahren, das aus Grüngut und Küchenabfällen Biogas als Treibstoff und Kompost produziert. Zuerst von vielen belächelt oder gar bekämpft, baute er schliesslich weltweit 75 Kompogasanlagen. Noch immer werden weltweit erfolgreich weitere Anlagen dieses Typs gebaut.

Zurück zur Selbstversorgung

Der Tüftler erlebte jedoch auch Rückschläge. So war die Zeit für sein Solarmobil noch nicht reif und das Nutzfahrzeug Solcar, das mit Küchenabfällen fährt, blieb im Experimentierstadium stecken. Doch Walter Schmid ging noch einen Schritt weiter. «Es gibt in der Schweiz zahlreiche innovative Unternehmen, die nachhaltige und energieeffiziente Produkte entwickeln. Statt alles selber zu erfinden, beschloss ich, eine Plattform zu schaffen, die diese zukunftsträchtigen Technologien erlebbar macht.» Diese Vision wurde Wirklichkeit: Die Umwelt Arena Schweiz, eine Erlebniswelt mit Ausstellungen zum modernen bewussten Leben mit einer nachhaltig betriebenen Eventlocation, öffnete 2012 in Spreitenbach ihre Tore und hat sich seither erfolgreich entwickelt. Das inspirierte Walter Schmid, erneut zu neuen Ufern aufzubrechen: Ein energieautarkes Mehrfamilienhaus schwebte ihm diesmal vor. «Vor 120 Jahren konnte sich jeder Bauernhof selber versorgen. Dann kamen das Öl und die Elektrizität und damit die Abhängigkeit », blickt er zurück. Seine Idee, um diese Abhängigkeit wieder zu kappen? Wenn man die Erdwärme aus der Tiefe holen könnte, wäre das Energieproblem gelöst, meint er. Doch der Kanton beschränkte am Standort Brütten die Tiefe der Bohrungen. Um dennoch zum Ziel zu kommen, verfolgte Walter Schmid einen anderen Ansatz: sparen. «In der Schweiz wollen wir uns immer absichern. Bei jedem System wird eine Leistungsreserve eingebaut, um auch selten vorkommende Spitzen abdecken zu können. Wenn man jedoch die Haustechnik auf den Normalfall auslegt, kann man viel Energie sparen», betont er. Also liess er Zirkulationspumpen einbauen, die mit einem Sechstel der normalen Leistung auskamen. Die Bodenheizungsrohre wurden dichter verlegt. Das darin zirkulierende Wasser muss weniger stark aufgeheizt werden und man verbraucht dadurch wesentlich weniger Energie. Die Lüftung, die Beleuchtung und auch der Aufzug wurden auf ihren Verbrauch hin exakt geprüft und die jeweils energieeffizientesten Produkte eingebaut. «Je weniger Energie wir benötigen, desto weniger müssen wir davon produzieren», lautete die Vorgabe des Bauherrn. Und er fügt an: «Beim Aufzug beispielsweise haben wir auf die Rekuperation und auf einen möglichst kleinen Stillstandsverbrauch geachtet.»

Die Wäsche an der ­frischen Luft zu trocknen spart ­wertvolle Energie.

Zur Innovation gezwungen

Am Ende ging die Rechnung auf. Das erste energieautarke Mehrfamilienhaus funktioniert und ermöglicht seinen Bewohnerinnen und Bewohnern einen angenehmen Wohnkomfort. Natürlich gab es einige Kinderkrankheiten. So musste eine zweite Brennstoffzelle eingebaut werden. Weil die eine Brennstoffzelle allein den Dauerbetrieb nicht zu bewältigen vermochte und prompt ausstieg. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen und Technologiepartnern führte das Bauprojekt zu verschiedenen Innovationen. Dazu gehört die erwähnte Optimierung der Gebäudetechnik. Aber auch das matte Design der Solarzellen, mit denen die ganze Gebäudeoberfläche bestückt ist. «Gegen die glänzende Oberflächen der Solarmodule gab es eine Baueinsprache. Also haben wir sie sandgestrahlt », schmunzelt Walter Schmid.

Nächste Projekte in Arbeit

Das energieautarke Mehrfamilienhaus in Brütten hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Ist das nun die Zukunft? «Nicht ganz», sagt Walter Schmid. Die Technologie mit den Brennstoffzellen sei zu teuer, um reihenweise Gebäude damit auszustatten. Diese Investition habe man denn auch als einzige nicht auf die Mieter überwälzt. Er wäre sich aber selber nicht treu, wenn er die in Brütten gesammelten Erfahrungen nicht in weiteren Projekten einsetzen würde. «Statt aus Wasser Wasserstoff zu gewinnen, verwenden wir andernorts den gewonnenen Strom, um diesen in Methangas umzuwandeln. Dieses wird dann als Biogas ins Gasnetz eingespeist», erläutert Walter Schmid. Diese Häuser werden mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Aber anders als das Mehrfamilienhaus von Brütten werden sie aus praktischen Gründen ans Strom- und Gasnetz angeschlossen. «Power to Gas» heisst also Walter Schmids neuste Leidenschaft. Falls bei der Umsetzung Probleme auftreten sollten: «Wir werden auch diese lösen».

Zur Person

Walter Schmid ist der Initiant und Bauherr des ersten energieautarken, solarbetriebenen Mehrfamilienhauses in Brütten (ZH). Der Bauunternehmer setzte schon früh auf umweltschonende Technologien. Mit seiner 1971 gegründeten Bau- und Generalunternehmung gehörte er zu den ersten, die Sonnenkollektoren, Holzschnitzelheizungen und Wärmepumpen installierten. 1985 realisierte Schmid die erste Tiefenwasserbohrung zur Beheizung von 200 Wohnungen. Drei Jahre später folgte ein Bürogebäude mit integrierter Photovoltaik-Fassade zur Stromproduktion. Im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthard konnte Walter Schmid 2012 in Spreitenbach die Umwelt Arena Schweiz eröffnen, ein Kompetenz- und Informationszentrum für nachhaltige Lösungen. 2003 wurde Walter Schmid mit dem Schweizer und mit dem Europäischen Solarpreis ausgezeichnet, 2012 folgte der Watt d’Or für sein Lebenswerk.

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