Campus Ebikon: Schindler setzt erneut Massstäbe

Schindler hat seinen Hauptsitz in Ebikon während vier Jahren zum repräsentativen Campus aufgewertet und dabei 130 Millionen Franken in die eigene Zukunft investiert. Für die Energie- und Ressourceneffizienz winkt das international anerkannte LEED-Zertifikat in Gold. Nachhaltigkeit strebt der Konzern aber auch in anderen Bereichen an. Das ist nicht neu.

Schindler Campus Ebikon

Die Szene ist filmreif: Drei Fünfzigerjahre-Limousinen parkieren vor einem hell erleuchteten Bürogebäude. Auskragende Treppenhäuser sorgen dort für einen ästhetischen Akzent. Am Ende des Baus wächst ein eleganter Turm in den Abendhimmel. Die Langzeitbelichtung wirkt wie ein Weichzeichner und verwandelt das Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos in ein Strahlenband. Das Foto wirkt wie ein Gemälde. Es zeigt das neue Schindler-Werk in Ebikon. Allerdings schreiben wir hier erst das Jahr 1957. Die Sowjets haben zum grossen Unbehagen des Westens eben den ersten Satelliten in den Himmel gejagt und damit das Zeitalter der Raumfahrt eingeläutet. John Lennon und Paul McCartney laufen sich zufällig an einem Schülerfest über den Weg, was in der Gründung der legendären Beatles gipfeln wird. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hat sich formiert, in Würenlingen speist der erste Reaktor Atomstrom ins Netz, und im Walliser Dorf Unterbäch gehen erstmals Frauen bei einer eidgenössischen Volksabstimmung an die Urne (auch wenn ihre Stimmen nicht zählen).

Zukunftsträchtig: Der Neubau von 1957 setzte Massstäbe.

Nachhaltigkeit anno 1957

Und auch in Ebikon wird Geschichte geschrieben: Schindler zieht mit annähernd 2000 Mitarbeitenden und 8000 Tonnen Material in jenes neue Hauptquartier, das der Fotograf derart stilvoll in Szene gesetzt hat. 44 Millionen Franken hat sich der Schweizer Aufzugs- und Elektromotorenbauer sein Werk vor den Toren Luzerns kosten lassen. Es ist eine Rieseninvestition, von der man sich unter anderem dies verspricht: Nachhaltigkeit. Das zeigt sich schon daran, dass man nur mit den besten Architekten und Ingenieuren der Schweiz zusammenarbeitet. So gilt die Fabrik damals nicht bloss als modernste ihrer Art in Europa. Die Substanz der ganzen Anlage ist derart gut, dass es sich lohnt, sie in der Folge laufend auf den neusten Stand der Technik zu bringen. Auch wenn sie das eine oder andere Facelifting erhält, bleibt zumindest die Hülle bis heute bestehen – nicht nur als architekturhistorisches Bijou. Hier wird nach wie vor gearbeitet. Mehr Nachhaltigkeit geht eigentlich nicht. Nachhaltigkeit ist auch das Stichwort für Herbert Stadelmann, Leiter Gebäudemanagement bei der Schindler Aufzüge AG in Ebikon und als solcher federführend für das aktuelle, 130 Millionen Franken teure Um- und Neubauprojekt, mit dem Schindler – genau wie 1957 – Massstäbe setzen will: Das historische Areal wurde in den vergangenen vier Jahren zu einem modernen Campus aufgewertet. Was da entstanden ist, sei in jeder Hinsicht weit mehr als «state oft the art», so Stadelmann, das habe schon Pioniercharakter. Was denn so pionierhaft daran ist, erschliesst sich allerdings erst auf den zweiten Blick – auf den ersten fällt vor allem dies auf: Das sieht richtig gut aus. Ähnlich wie vor sechzig Jahren demonstriert Schindler in Ebikon, was zeitgemässe Industriearchitektur ist. Den Architekten Burckhardt+ Partner AG ist es schon rein optisch gelungen, den Neubau mit Visitor Center, Restaurant, Cafeteria und Auditorium und das umgebaute Managementgebäude zu einem stilvollen Ensemble zu vereinen, das sich formal an die alte Anlage anlehnt. Der neue Campus ist gleichzeitig aber auch typisch schweizerisches Understatement: Er strahlt mit jeder Faser Wertigkeit aus, ohne protzig zu wirken. Überzeugen soll er vor allem mit seinen «inneren Werten».

Der Campus von 2019. Sicht­bares Zeichen für Nachhaltigkeit: die Solarpanels auf den Parkplatzdächern.

Höchste ökologische Standards

Womit wir wieder bei der Nachhaltigkeit wären. Wie sämtliche Schindler-Neubauten weltweit wird auch der Campus in Ebikon höchsten ökologischen Standards gerecht. Für ein Unternehmen wie Schindler sei das eine Selbstverständlichkeit, betont Herbert Stadelmann: «Wir haben eine ökologische Verantwortung, die wir wahrnehmen müssen.» In welchem Ausmass dies geschieht, lässt sich messen. Besonders hoch gesetzt ist die Latte beim international anerkannten Klassifizierungssystem LEED, wo Schindler die Gold-Zertifizierung anstrebt. Auch wenn er selber kein grosser Fan solcher Zertifizierungen ist: Die Grundidee dahinter sei super, erklärt Stadelmann. «Man ist von Anfang an gezwungen, bewusst zu handeln. Und die alles entscheidende Frage lautet: Ist das nachhaltig oder nicht?» Antwort geben bei LEED Berge von Handbüchern, die derart komplex sind, dass sich nur noch Spezialisten darin zurechtfinden. Den Zertifizierungsprozess bei Schindler hat deshalb die externe Firma intep, eine ausgewiesene LEED-Spezialistin, an die Hand genommen. Und weil Schummeln auf gar keinen Fall möglich sein soll, verlangen es die Regeln, dass diese von einer weiteren externen Instanz kontrolliert wird. Das ist aufwendig und kostet Geld. Aber es garantiert, dass tatsächlich nachhaltig ist, was als solches ausgezeichnet wird.

Schindler LEED

Energieverschwendung? Gibt es nicht.

Und so produzieren nun beispielsweise Hochleistungs-Photovoltaikanlagen auf Dächern und Fassaden Sonnenstrom für Schindler – bis zu 40 Prozent des Gesamtbedarfs der Neubauten. Spezial-Asphalt soll den «heat island effect» reduzieren, da er weniger Wärme abstrahlt. Der Wasserverbrauch ist um 80 Prozent, der Gesamtenergieverbrauch um 35 Prozent geringer als vor zehn Jahren, und der ganze Campus funktioniert CO2-frei: Strom kommt ausschliesslich aus Schweizer Wasserkraft, ökologische Fernwärme deckt den Wärmebedarf. «Hier gehen wir sogar noch einen Schritt weiter», erklärt Stadelmann. «Wir haben ein ausgeklügeltes Kälte-/Wärmesystem, das es uns möglich machen soll, für die Neubauten praktisch vollkommen auf Fernwärme zu verzichten.» Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit, die aber im Wesentlich so funktioniert: Sowohl Abwärme, die beispielsweise bei Kühlprozessen anfällt, als auch Kälte wird in thermischen Speichern im Keller «gelagert» und von dort nach Bedarf bezogen. Mit anderen Worten: Energie wird nie verschwendet, sondern gespeichert. Die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten, ist allerdings nur ein Aspekt von Nachhaltigkeit. «Der integrale Ansatz macht es aus», ist Herbert Stadelmann überzeugt. «Nachhaltigkeit bedeutet für uns deshalb auch Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden.» Wo sich das zeigt? Rund um den Campus wurde ein Park mit höchster Aufenthaltsqualität angelegt. Im Restaurant, das schon optisch meilenweit entfernt ist von einer klassischen Kantine, wird mit frischen, regionalen und saisonalen Zutaten ökologisch und nachhaltig gekocht. Die beengende Bürozellenstruktur im Managementgebäude ist einem grosszügigen und flexiblen Multi-Space-Konzept gewichen, das auch den Austausch unter den Mitarbeitenden fördern soll. Es bietet Rückzugsbereiche für stilles Arbeiten und solche fürs Telefonieren, unterschiedliche Sitzungsräumen und entspannte Lounges. Und in der Cafeteria macht die Barista einen Espresso wie beim Italiener …

Visionär: Herbert ­Stadelmann, ­Leiter Gebäudemanagement, verfolgt bei der Nachhaltigkeit einen ­integralen Ansatz.

60 Prozent der Wertschöpfung ist lokal

Nachhaltigkeit war aber auch das Thema bei der Vergabe der Aufträge. Und so sind rund 60 Prozent der gesamten Wertschöpfung regional. Der Baumeister kommt von Ebikon, Heizung und Kühlung kommen von Kriens und der Elektriker kommt von Root, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dehnt man die Wertschöpfung auf die ganze Schweiz aus, so blieben 90 Prozent im Inland. Nur gerade 10 Prozent des gesamten Auftragsvolumens wurden ins Ausland vergeben. Da Schindler aber nicht in erster Linie Nachhaltigkeit, sondern Aufzüge und Fahrtreppen verkauft, wird ein besonderes Highlight auf dem neuen Campus das Visitor Center sein. Hier werden Innovationskraft und Erfindergeist von Schindler für seine Kundinnen und Kunden erlebbar. Nicht als Museum, sondern als Hightech-Plattform, welche die Mobilität der Zukunft und die damit zusammenhängende Digitalisierung thematisiert. Nach ihrer Gold-Zertifizierung zählen die Neubauten auf dem Schindler Campus – neben Vorzeigeobjekten wie dem Prime Tower in Zürich, dem Nespresso-Produktionszentrum in Romont oder dem Siemens-Verwaltungsgebäude in Zug – zum illustren Kreis der besonders ökologischen Schweizer Bauwerke.

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