«Auf neue Lösungen kommt nur, wer sich mehr Zeit nimmt»

Welche Herausforderungen stellen sich beim nachhaltigen Bauen? Die Frage stellten wir dem ETH-Architekten Gianrico Settembrini, der am Institut für Gebäudetechnik und Energie (IGE) der Hochschule Luzern – Technik und Architektur die Forschungsgruppe Nachhaltiges Bauen und Erneuern leitet. Diese hat unter anderem auch die Folgen des Klimawandels auf Wohngebäude untersucht.

Next floor: Wenn Sie selber Ihr eigenes Haus bauen würden, wo würden Sie den Hebel ansetzen? Was wäre Ihnen besonders wichtig bezüglich Nachhaltigkeit?

Gianrico Settembrini: Die gesamtheitliche Betrachtung ist wichtig, und diese umfasst gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Bereiche. Es genügt nicht, einfach nur die Betriebsenergie anzuschauen. Ebenso wichtig ist die Erstellung, bei der sehr viel Energie verbraucht wird. Und je nachdem, wo wir ein Gebäude hinstellen, löst es auch mehr oder weniger Mobilität aus, was wiederum die Energiebilanz beeinflusst. Aus all diesen Gründen ist es wichtig, nicht nur einen kleinen Hebel irgendwo anzusetzen, sondern immer im Kopf zu haben, dass nachhaltiges Bauen eben sehr vieles beinhaltet.

Gibt es allenfalls tief hängende Früchte, also Massnahmen, die erlauben, mit geringem Aufwand sehr grosse Fortschritte zu erzielen?

Bei Neubauten gibt es heutzutage wirklich keinen Grund mehr, eine Ölheizung einzubauen. Und je nach Situation kann auch die Energieproduktion mittels eigener Photovoltaik bereits sehr naheliegend sein. Bei Sanierungen empfiehlt es sich, gründlich über eine effizientere Nutzung der Flächen nachzudenken, noch bevor man mit dem eigentlichen Umbau beginnt – das kann schon sehr viel bringen, allein durch Klugheit.

Apropos Ölheizungen: Diese sind bei Sanierungen heute weiterhin oft die erste Wahl. Müsste, damit sich dies ändert, vielleicht der Gesetzgeber ein Machtwort sprechen?

Statt für Verbote plädiere ich für Aufklärung. Es ist besser, die Leute mit Informationen zum richtigen Entscheid zu bewegen. Tatsächlich werden Ölheizungen sehr oft wieder durch Ölheizungen ersetzt. Meistens, weil man das nicht lange im Voraus plant. Wenn eine Ölheizung aussteigt, muss man rasch eine Alternative suchen, und da ist natürlich der Austausch die einfachste Lösung. Vereinzelt kann es bei Sanierungen durchaus noch Gründe geben, nochmals auf eine Ölheizung zu setzen. Doch bei einem Neubau sehe ich heute wirklich keinen Grund mehr für eine Ölheizung.

«Die gesamtheitliche Betrachtung ist wichtig, und diese umfasst gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Bereiche.»

Wenn nicht Verbote, so braucht es wohl zumindest stärkere Anreize, um die Leute zum Umdenken und zum Handeln zu bewegen. Doch welche?

Bisher lag der Fokus auf finanziellen Anreizen für die Verwendung nachhaltiger Betriebsenergie. Das hat die Leute dazu bewogen, bei Sanierungen etwa eine Ölheizung durch eine Wärmepumpe zu ersetzen. Der finanzielle Anreiz hat in diesem Bereich also tatsächlich viel gebracht. Wenn man sich jedoch unsere noch deutlich zu geringe Sanierungsrate anschaut, wird schnell klar, dass allein finanzielle Anreize noch zu wenig sind. Der wichtigste Anreiz müsste bezwecken, eine nachhaltige Denkweise in das ganze Bauwesen reinzubringen. Der Fokus ist heute noch viel zu kurzsichtig auf die Investitionen gerichtet, und viel zu wenig auf die Unterhaltsund Betriebskosten über die gesamte Lebensdauer. Das nachhaltige Denken für diesen langfristigeren Blick fördert man wohl am besten ebenfalls über zusätzliche Finanzierungshilfen und -modelle. Das muss nicht wie bisher immer nur fokussiert auf die Gebäudehülle oder ein Label erfolgen. Gefragt ist vielmehr ein gesamtheitlicher Ansatz.

Das heisst dann?

Die Begleitung von Bauherrschaften über längere Zeit könnte ein Modell sein. Dabei gibt es nicht nur technischen Beratungsbedarf. Die Hauseigentümer benötigen mehr Informationen über verschiedenste Aspekte wie steuerliche Anreize, energetische Fördergelder, allfällige neue Finanzierungsmodelle usw., und dies möglichst aus einer Hand.

Was kostet denn eigentlich ein Nullenergiehaus im Vergleich zu einem konventionell gebauten Gebäude?

Das lässt sich schwerlich einfach so beantworten. Schliesslich gibt es viele Möglichkeiten, beim Bauen entweder Kosten einzusparen oder in die Höhe zu bauen. Man kann, wenn man will, ein ganz teures konventionelles Haus bauen, man kann aber auch günstig ein Niedrigenergiehaus bauen.

Trotzdem: Wenn wir den Vergleich allein auf die für die Energieversorgung massgebliche Gebäudetechnik beschränken: Um wie viel teurer wird zum Beispiel ein Minergie-P-Gebäude?

Im Minergie-P-Gebäude kann das um 10 bis 15 Prozent höhere Baukosten bedeuten. Wenn wir aber die Betriebs- und alle weiteren Kosten über längere Zeit rechnen, kann sich das Nullenergiehaus heute schon lohnen.

Es sind also kaum mehr die Kosten, welche die Leute vom nachhaltigen Bauen abhalten. Was dann?

Mangelndes Wissen sowie die Macht der Gewohnheit. Ob für die Bauherrschaften, die Fachplaner oder die Architekten – am einfachsten ist es für alle, so zu bauen, wie sie es immer gemacht haben. Nur wer sich am Anfang einer Planung ein bisschen mehr Zeit nimmt und auch interdisziplinär denkt, kommt auf neue Lösungen, die ein bisschen unbekannt scheinen, ein bisschen mühsamer auch, die aber bald einmal vertraut sind und sich auch in den meisten Fällen über längere Zeit bewähren.

«Nur wer sich am Anfang einer Planung ein bisschen mehr Zeit nimmt und auch interdisziplinär denkt, kommt auf neue Lösungen.»

Welchen Beitrag zum nachhaltigen Bauen erwarten Sie spezifisch vom Architekten?

Sicherlich sind die Ingenieure und die Fachplaner im Moment in Fragen des nachhaltigen Bauens präsenter. Das heisst aber nicht, dass der Architekt weniger nachhaltig denkt. Er denkt vielleicht gesamtheitlicher, indem er seinen Fokus nicht nur auf den technischen und energetischen, sondern stärker auf den gesellschaftlichen Aspekt der Nachhaltigkeit setzt. Der Architekt muss städtebaulich gute Räume kreieren – das gehört auch zur Nachhaltigkeit. Der Ingenieur hat natürlich viel mehr das Flair für die Zahlen, für die berechnete Energie. Doch die gesamtheitlich-nachhaltigen Lösungen entstehen nur in einem steten Diskurs zwischen Ingenieuren und Architekten.

Wenn wir die Aufgabe des Architekten streng auf das einzelne Gebäude fokussieren: Was kann er da zur Nachhaltigkeit beitragen?

Wenn der architektonische Entwurf bei einem Projekt stimmt, braucht es vielleicht gar nicht so viel energetische Gebäudetechnik. Der Architekt hat es zum Beispiel in der Hand, flächeneffizient zu bauen. Eine kompakte Bauweise ist heute immer noch etwas vom Nachhaltigsten. Die Form bleibt der Hauptbestandteil eines guten Konzepts, ausserdem die Funktionen und Anordnungen der Räume und natürlich die Gebäudehülle bzw. deren Grösse im Verhältnis zur Fläche, die man wirklich nutzen kann – alles Bereiche also im Aufgabenbereich des Architekten.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass wir die für den Gebäudepark Schweiz definierten Nachhaltigkeitsziele bis 2050 erreichen werden?

Zuversichtlich stimmt mich, dass wir künftig im Winter weniger heizen müssen. Doch im Sommer droht uns ein grösseres Behaglichkeitsproblem. Wenn wir aber plötzlich anfangen, alle Wohngebäude zu kühlen, werden wir eine zusätzliche Herausforderung bewältigen müssen. Wir müssen also die Gebäude für die nächsten fünfzig Jahre so planen, dass sie auch dann noch optimal funktionieren können, wenn es drei Grad wärmer ist als heute. Das erfordert vorausschauende architektonische Entwürfe mit besonderem Blick zum Beispiel auf Fensterflächen. Dieses weitsichtige Denken muss erst noch richtig ankommen, wenn wir die Nachhaltigkeitsziele tatsächlich bis 2050 umgesetzt haben wollen.

Der Architekt im persönlichen Nachhaltigkeitstest

Gianrico Settembrini wohnt mit seiner Freundin in einer Stadtwohnung, in einem Mehrfamilienhaus in Bern. «In die 3,5-Zimmerwohnung bin ich vor ein paar Jahren aus einer grösseren Wohnung umgezogen, einfach mit dem Gedanken, dass der erste Schritt zur Energieeffizienz oder zur Nachhaltigkeit die Reduktion der Fläche ist, die man beansprucht», sagt er. Das Gebäude ist alt – über hundertjährig – und geschützt. Das schränkt auch die Möglichkeiten ein, es in jeder Beziehung nachhaltig zu sanieren. Immerhin gibt es eine Solaranlage auf dem Dach, die für Warmwasser sorgt. «Tatsächlich aber wohne ich nicht im Minergie-P-Neubau, wie man das vielleicht erwarten würde», räumt Settembrini ein. Das alte Mehrfamilienhaus sei jedoch in vieler Hinsicht ein nachhaltiges Gebäude, zudem zentral in der Stadt gelegen, «sodass ich auf ein Auto verzichten und mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen kann».

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