«Am Wochenende willst du nur noch schlafen»

Als Absolventen der Hockey Academy des EVZ gehören sie zur sport­lichen Elite des Landes. Nur acht Talente schaffen den Eintritt pro Jahr. 2019 wurden Joel Marchon und Louis Robin auf­genommen. Nun lernen und trainieren sie in Cham.

Louis Robin und Joel Marchon im Porträt

So also sehen die Eishockey-Cracks der Zukunft aus. Joel Marchon, 17 Jahre alt, gross gewachsen und kräftig gebaut: Stürmer. Louis Robin, ebenfalls 17-jährig, von seiner Statur her eher das Gegenteil: vergleichsweise klein und fein gebaut. Auch er: Stürmer. Man braucht also nicht unbedingt ein Kraftpaket mit hohem Verdrängungsfaktor zu sein, um Tore schiessen zu können. Denn dass sie beide das Zeug zur Profikarriere mitbringen, haben sie längst bewiesen. Als Absolventen der Hockey Academy des EVZ gehören sie zur sportlichen Elite des Landes. Nur acht Talente schaffen den Eintritt pro Jahr. 2019 wurden Joel und Louis aufgenommen. Nun lernen und trainieren sie in Cham.
Dass sie es soweit geschafft haben, kommt nicht von ungefähr. Joel Marchon ist Spross einer Sportlerfamilie. Drei der Söhne sind Fussballer, zwei spielen Eishockey, die Mutter ist Coach einer Hobby-Fussballmannschaft. Joels älterer Bruder Marc spielt heute beim EHC Kloten. Seinetwegen ist die Familie damals vom aargauischen Oberrüti nach Luzern gezogen. Hier hat Marc die Sportschule besucht, bevor er beim EVZ seine Stürmerkarriere startete.
Mit drei Jahren kommt auch der kleine Joel zum EVZ. Er ist ein Talent, allerdings auch im Fussball. Joel kickt beim FC Luzern, der ihn gerne fördern möchte. Doch irgendwann muss er sich entscheiden. «Eishockey habe ich vom ersten Moment an geliebt», sagt er. «Es macht mir einfach viel mehr Spass.» So entscheidet er sich schliesslich für den EVZ, wo er eine steile Karriere macht. Er absolviert in Luzern wie sein grosser Bruder die Sportschule und empfiehlt sich für die Academy. «Wer die Academy schafft», sagt er, «schafft es oft auch in die Nati B. Manchmal sogar weiter.» Das ist Ansporn, dranzubleiben. Und erklärtes Ziel.

«Wir brauchen einen Plan B, falls wir mit unserer Hockeykarriere scheitern.»

Zusammen lernen, gemeinsam trainieren: Louis Robin (am linken Laptop) und Joel Marchon gehören zur Elite der Nachwuchssportler.

Auch Louis Robin kommt aus einer Sportlerfamilie. Sein Vater spielt Fussball, die Mutter Volleyball, auch sein Bruder ist ein angefressener Kicker. «Aber niemand ist so angefressen wie ich», sagt Louis. Mit sechs Jahren beginnt er, Hockey zu spielen. Bald fällt er mit seinem Talent auf. Auch ein Spieler-Scout des EVZ wird auf ihn aufmerksam. Louis wird von Zug angefragt, ob er nicht Lust hätte, die Academy zu besuchen. Es ist ein unwiderstehliches Angebot, und Louis, der Welsche, zügelt von Yverdon ins Herz der Deutschschweiz nach Zug, wo er bei einer Gastfamilie untergebracht wird. «Das war am Anfang nicht ganz leicht», gesteht er. «Aber heute bin ich sehr froh, dass ich im besten Spitzensport-Zentrum der Schweiz trainieren kann.»
Wie hart dieses Training sein kann, erfahren die beiden so richtig nach dem Umzug ins OYM nach Cham. Die ersten Wochen sind brutal. «Ich habe echt gedacht: Das halte ich nicht aus», gesteht Joel. «Wir haben jede Gelegenheit genützt, uns in die Ruhekabinen zurückzuziehen und ein bisschen zu schlafen.» Auch Louis sehnt sich seither nach den Wochenenden: «Du willst dann nur noch im Bett liegen und gar nichts mehr machen», sagt er. Dass er dabei grinst, zeigt, dass er sich bereits ein wenig an den Drill gewöhnt hat, während andere offenbar die Segel gestrichen haben.

Essen nach der Smartwatch

Das OYM College besteht allerdings nicht nur aus körperlichem Training. Den grösseren Teil der Zeit arbeiten die zwei an ihrem KV-Abschluss. Das sei enorm wichtig, sagen sie. «Wir brauchen einen Plan B, falls wir mit unserer Hockeykarriere scheitern», sagt Joel. Sein Lächeln zeigt aber, dass er nicht wirklich damit rechnet. Trotzdem: Die Schule bildet den Hauptteil der Ausbildung am OYM. Dass die jungen Sportler dabei nicht im klassischen Sinn die Schulbank drücken, war hingegen für beide gewöhnungsbedürftig. «Du bist viel mehr auf dich allein gestellt und musst dich selber organisieren», sagt Joel. «Dafür können wir arbeiten, wann wir wollen.» Und das tun sie vermehrt auch im Team. Dass hier nicht nur der Eishockeynachwuchs lernt, sondern auch Sportlerinnen und Sportler aus anderen Disziplinen büffeln, findet sein Kollege Louis spannend, «auch wenn wir Eishockeyspieler meistens unter uns bleiben».
Ein regelmässiger Austausch mit anderen Spitzensportlern findet hingegen beim Essen statt, an das sich vor allem Joel erst gewöhnen musste. Während er als Digital Native die Sache mit der Smart-Watch ziemlich cool findet, braucht es bei dem, was er sich da auf den Teller laden soll, doch hin und wieder ein wenig Überwindung. «Vieles habe ich bis dahin noch gar nie gegessen», gibt er zu. So habe er kürzlich zum ersten Mal Fisch probiert, und weil es halt einfach dazugehöre, esse er nun auch Gemüse. Louis hingegen schwärmt von der gesunden Bio-Küche, ist überzeugt, dass er den Unterschied auch körperlich spürt und fasst kurz zusammen: «5-Sterne-Hotel».
Auf die Frage, was sie sich als Studenten des OYM Colleges denn noch wünschen würden, kratzen sich beide erst einmal am Kopf. «Ich wüsste nicht was. Wir haben hier echt alles», sagt Louis. «Ausser vielleicht ein paar hübsche Mädchen», ergänzt Joel, und beide grinsen. Für einen Moment sind sie nicht mehr die angehenden harten Eishockeyprofis, sondern ganz normale 17-Jährige, die sich auch mal auf dünnes Eis begeben.

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