Eine urbane Reise zwischen Gegenwart und Zukunft

Immer mehr Menschen zieht es in der Hoffnung auf Arbeit, Wohlstand und ein attraktives Leben in die Städte. Die globale Urbanisierung stellt die Städteplaner, Ingenieure und Architekten vor grosse Herausforderungen, auch in der Schweiz. Denn unsere Städte sollen nicht einfach nur grösser und dichter, sondern auch wohnlicher werden.

Im Jahre 2050 werden sieben von zehn Millionen Menschen in urbanen Räumen leben. Wie die Städte sich entwickeln sollen, hat die Kommission der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung in einer Vision festgehalten: Alle Städte sollen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Zugang zu angemessenem Wohnraum, umweltfreundlichen Verkehrssystemen, grosszügigen öffentlichen Räumen und zu Grünflächen bieten, dies bei möglichst geringer Umweltbelastung, grösster Sicherheit und höchster Lebensqualität. Ausserdem sind die künftigen Städte optimal mit stadtnahen und ländlichen Gebieten wie auch mit anderen Städten zu vernetzen. Und sie sollen ihr historisches Erbe schützen und einen effizienten und nachhaltigen Umgang mit sämtlichen Ressourcen pflegen. Die Erwartungen der Kommission an die Stadt der Zukunft sind also ziemlich hoch. Hinzu kommen neuerdings Forderungen, dass die Stadt künftig auch Energie und Nahrungsmittel selber produzieren, die Klimaerwärmung mildern und die Probleme sozialer und finanzieller Ungleichheit lösen soll.

Unterschiedliche Ansprüche rund um die Welt

Aus dem UN-Papier spricht die Überzeugung, dass sich Städte tatsächlich planen und zielstrebig entwickeln lassen. Ein grosser Teil der städtischen Weltbevölkerung lebt heute jedoch in wild wuchernden Siedlungen. Der tägliche Kampf der Bewohner dieser provisorischen Slum Communities gilt Elementarem wie Essen, einer Arbeit, Wasser oder Brennholz. Stadtplanung in solchen Gebieten muss sich aufs Unmittelbare konzentrieren und Prioritäten setzen: Versorgung mit Trinkwasser, Strom, Anschluss an das Verkehrsnetz. Die Dringlichkeiten und Notwendigkeiten im Städtebau sind also je nach globalem Standort sehr unterschiedlich. «Doch gerade aus dem Chaos einer Drittwelt-City lässt sich sehr viel für die Zukunft auch unserer Städte lernen», sagt die Architektin Fabienne Hoelzel (siehe auch Artikel Seite 10). Zu dieser Einsicht ist sie bei ihren Einsätzen in städtebaulichen Projekten in Addis Abeba und in Lagos gekommen. Sie leitet daraus ab, dass die ideale Stadt «nicht perfekt, sondern stets wandelbar und anpassungsfähig ist». Insofern könnte auch die improvisierte «African Urbanity» einen eigenständigen und zukunftsweisenden Beitrag zur Stadtentwicklung leisten. Abgesehen davon gibt es gerade in Schwellenländern der Dritten Welt auch grosse planerische Entwürfe. Abuja (Nigeria), Brasilia, Islamabad (Pakistan) oder Neu-Delhi entstanden auf dem Reissbrett, ebenso neuere Planstädte wie Eco City in Tianjin (China), Putrajaya oder Cyberjaya (Malaysia). In Europa beurteilen die Architekten solche Projekte heute eher kritisch. Die Experimentierfreude von einst, wie sie etwa Le Corbusier am Beispiel Firminy in der Nähe von Saint-Étienne noch zeigte, brachte leider allzu oft nicht die erhofften Resultate. Der grosse und auch geglückte Wurf ist in Europa längst Geschichte. Die Reissbrettstädte auf unserem Kontinent reichen zurück in die Zeit des Barocks, der Renaissance und noch früher. Klar ist, dass die Stadt der Zukunft in Europa kaum mehr als durchgeplante Einheit auf der grünen Wiese entstehen wird. Vielmehr wird sie sich in stetiger Verwandlung aus der gegenwärtigen Stadt mitsamt deren Vergangenheit herausschälen.

«Doch gerade aus dem Chaos einer Drittwelt-City lässt sich sehr viel für die Zukunft auch unserer Städte lernen.»

Zwicky Süd: ein neues Quartier auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei Zwicky am Dreigemeindeneck von Zürich, Wallisellen und Dübendorf.

Wachstumsschub in Zürich

Die Städte in der Schweiz, die über Jahrzehnte Einwohner an die Agglomerationen verloren haben, wachsen seit rund 15 Jahren wieder in flottem Tempo. Den Urbanisierungszug, der da in die Zukunft rollt, treiben drei Motoren an: der gesellschaftliche Wandel zur digitalisierten Dienstleistungsgesellschaft, die ungebrochene Anziehungskraft des urbanen Lebensstils sowie die Notwendigkeit, den Kulturlandverbrauch mittels Verdichtung zu stoppen.
Die Stadt Zürich hat allein in den letzten zehn Jahren um 70'000 Leute auf nunmehr 430'000 Einwohner zugelegt. «Das ist erst der Anfang», sagt Anna Schindler, die seit bald neun Jahren die Stadtentwicklung leitet. «Wir rechnen damit, dass Zürich im Laufe der nächsten zwanzig Jahre zur Halbmillionenstadt wird.» Mit einem gewissen Stolz verweist sie auf verschiedene neue Vorzeige-Überbauungen in Altstetten, Affoltern, der Grünau, Albisrieden, Zürich West und Zürich Nord. «Sie beweisen, dass mit mehr Wohnraum auch mehr Lebensqualität geschaffen werden kann.» Auf innere Verdichtung wolle man auch in Zukunft setzen, lässt Schindler weiter durchblicken. Ein wichtiges Instrument dazu ist in Zürich der Siedlungsrichtplan, der wichtige Kriterien wie Klimaverträglichkeit, Verkehrserschliessung und Versorgung mit nachhaltigen Energien berücksichtigt. Er weist gezielt jene Gebiete aus, in denen die Stadt sozialverträglich und ohne Verlust an Lebensqualität weiter in die Höhe wachsen beziehungsweise Industriebrachen und stillgelegte Areale umnutzen kann.
Die Verdichtung ist, sobald bei konkreten Projekten Stadtbewohner um ihre eigene Aussicht fürchten, auch immer wieder umstritten. Besser akzeptiert wird eine hohe Dichte dann, wenn auch die Aussenräume sorgfältig gestaltet sind. Dies belegen etwa Studien der ETH. Auch die Kontroversen um die Zwischenräume an der Europaallee unweit des Hauptbahnhofs deuten in diese Richtung. Wichtig scheint überdies, dass die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner bei neuen Projekten mitreden können. «Sowieso ist Partizipation eine gutes Rezept, um die Stadterneuerung sozialverträglich zu gestalten», betont Schindler. Zürichs Stadtentwicklungsstrategie wird periodisch überarbeitet. Die nächste Strategierunde mit Zeithorizont 2040 ist auf 2022 terminiert. Dann sollen vor allem Themen wie die Digitalisierung sowie der Stadtverkehr beziehungsweise die integrierte öffentliche Mobilität weiter konkretisiert werden. Insgesamt steuert Zürich pragmatisch und nüchtern über acht definierte Handlungsfelder in die Zukunft. Für spektakuläre Visionen ist wenig Platz.

Vision der kurzen Wege

Auch Basel befindet sich mitten in einem heftigen Transformationsprozess zu einer dynamischen Dienstleistungs-, Wissens- und Wohnstadt. In den vergangenen zehn Jahren wuchs Basel um rund 10'000 Einwohner, gleichzeitig entstanden 20'000 neue Arbeitsplätze. Die Zahlen verraten die eigentliche Herausforderung. «Wir müssen unbedingt mehr Wohnraum schaffen, und zwar gut durchmischten und günstigen», sagt Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung. Bis 2030 will man für weitere 20'000 Menschen Wohnungen bauen, womit die Stadt dann 220'000 Einwohner zählen wird. Das Motto: «Nachhaltige, lustvolle Dichte»! Das künftige Basel strebt eine «Stadt der kurzen Wege» an, die polyzentrisch organisiert ist, mit Subzentren in den Quartieren und den umliegenden Agglomerationsgemeinden. Arbeiten, Wohnen, Versorgen und Freizeit: Alles soll möglichst nahe beieinander sein. Die im Wohnungsbau selber aktive öffentliche Hand fördert die Verdichtung, indem sie zum Beispiel bei einer hohen Belegung der Wohnung einen Mietzinsbonus von 20 Prozent gewährt – wenn also mehr Menschen in der Wohnung leben, sinkt die Miete.
In Basel wachsen bekanntlich auch einige Hochhäuser in den Himmel, allen voran der Roche-Turm 1. Vorderhand ist er der höchste Skyscraper der Schweiz, bis er vom geplanten und noch höheren Roche-Turm 2 überragt werden wird. Zur neuen Skyline, die sich da am Rheinufer abzeichnet, meint Ott: «Hochhäuser bilden wichtige Referenzpunkte und leisten ihren Beitrag zur Verdichtung; es wäre jedoch falsch, an allen wichtigen Stellen ein Hochhaus bauen zu wollen.»
Ansatzweise heute schon erleben lässt sich die in Basel geplante Zukunft etwa im Quartier Erlenmatt Ost (siehe auch Bewohner-Porträts auf Seite 16). «Es repräsentiert gleich mehrere innovative Leuchtturmprojekte», so Ott. Die über 500 Personen, die jetzt das ehemalige Bahnareal bewohnen, versorgen sich hundertprozentig mit erneuerbaren Energien. Wärme und Strom werden dabeigrösstenteils vor Ort aus dem Grundwasser und mittels Photovoltaik produziert. Einen Besuch wert ist natürlich auch der erwähnte Roche-Turm 1, auch wenn nur die Lobby öffentlich zugänglich ist. Beide, der Wolkenkratzer und das energieautarke Quartier, nehmen auf jeweils eigene Art vorweg, welches Gesicht Basel in Zukunft zeigen könnte.

Verdichtungspotenzial in der Agglomeration

Nach mehr Wohnraum lechzt auch Genf. Bis 2035 sollen in der grössten Metropole der Romandie 35'000 neue Wohnungen entstehen. Nebst der Umnutzung von Industrie- und Bahnarealen spielt dabei die Verdichtung der Ränder eine besondere Rolle. Beispiel Quartier de l'Étang in der Nähe des Flughafens: Ein Vorzeigeprojekt ist hier geplant, eine Stadt in der Stadt. Damit es persönlicher, individueller und wohnlicher wird als in den vielen in den Siebzigerjahren entstandenen anonymen Vororten, setzen die Investoren auf einen partizipativen und demokratischen Mitbestimmungsprozess der Wohnungskäufer.
Die Aufwertung und Verdichtung der Agglomeration, wie sie Genf mit dem Quartier de l'Étang anstrebt, ist neben der Verdichtung der Kernstädte die zweite grosse Stossrichtung der urbanen Erneuerungswelle in der Schweiz. Für utopische Entwürfe ist dabei allerdings kaum irgendwo gross Spielraum vorhanden. Der Weg in die Stadt der Zukunft führt bei uns über viele einzelne und in sich komplexe Projekte, für das die Planer und Architekten immer auch eine eigene Lösung finden müssen. Die Stadtentwicklung bleibt ein politisch-planerischer Dauerprozess, bei dem viele Details immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Damit das historische Erbe, der menschliche Massstab und die urbanen Qualitäten auch in Zukunft erhalten bleiben.

«Hochhäuser bilden wichtige Referenzpunkte und leisten ihren Beitrag zur Verdichtung; es wäre jedoch falsch, an allen wichtigen Stellen ein Hochhaus bauen zu wollen.»

Smart City: Die intelligente Stadt

In einer Smart City werden die neuen Möglichkeiten digitaler Vernetzung und künstlicher Intelligenz genutzt, um die Infrastrukturen effizient zu betreiben und optimal auszulasten. Ansätze für die Entwicklung der Städte zu künftigen Smart Cities gibt es heute überall. In Barcelona melden smarte Abfallcontainer mithilfe von Ultraschallsensoren ihren Füllstand. Die Sammelfahrzeuge können so ihre Route optimal entlang jenen Behältern planen, die (bald) voll sind. Hamburg hat intelligente Mülleimer im Einsatz, die mit Solarpanels bestückt sind, die den Sensoren und WLAN-Sendern den Strom liefern. Das nordspanische Santander hat 12'000 Sensoren installiert, um die Nutzung von Parkplätzen, die Luftverschmutzung und die Auslastung von Müllcontainern permanent zu messen.
In Singapur sind das intelligente Wohnen und die intelligente Stadt zwei von insgesamt fünf Themen einer Smart-Nation-Strategie, die sich der Stadtstaat verpasst hat. Zum Beispiel werden einige Tausend Haushalte älterer Menschen überwacht und den Familienangehörigen wird deren Aufenthaltsort nonstop gemeldet. Google erschliesst in Toronto ein «intelligentes Quartier» für rund 10'000 Menschen. Dort sollen ausschliesslich selbstfahrende Autos verkehren und Roboter die ganze Logistik erledigen, von der Postauslieferung bis zur Abfallentsorgung. Panasonic baut gegenwärtig in Japan für umgerechnet 600 Millionen Franken eine Smart Home-Mustersiedlung mit 100 Häusern für 3000 Personen. Darin ist von der Wohnung über Shopping, Transport, Mobilität, Gesundheit und Wellness bis zum Arbeitsplatz so ziemlich alles digitalisiert und smart.
Das alles sind jedoch, gemessen an den wahren Möglichkeiten, nicht viel mehr als erste bescheidene Ansätze. In der Smart City, die ihren Namen wirklich verdient, werden sämtliche Infrastrukturen digital vernetzt sein, von der Energieversorgung bis zum Abwasser und zur Kehrichtentsorgung. Plusenergiehäuser liefern den Strom fürs Elektroauto, das mittels neuer Buchungs- und Nutzungssysteme in die intermodale Mobilität verschiedener Verkehrssysteme wie Bahn, Bus, Metro, Tram oder Taxi eingebunden sein wird.
Wie die technologischen Veränderungen infolge Digitalisierung und der Industrie 4.0 das Gesicht der Stadt der Zukunft verändern und prägen werden, lässt sich bestenfalls erahnen. Der Stadtexperte Thomas Kessler ist aber überzeugt: «Werden die damit verbundenen Möglichkeiten klug genutzt, bedeutet dies weniger Pendlerverkehr, mehr Lebenszeit, bessere Luft, grössere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, geringerer Raumverschleiss.»

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